So steht es geschrieben
Schweizer Hund mit Brille
Skurril und tiefgründig erzählt A. Henry von einem Land mit demokratisch gewählter Hunderegierung und fragt: Droht der Leinenzwang für Menschen?
Der Gegenwart. — 3. Dezember 2024
[…] Moderne Technik hat es uns ermöglicht, daß wir nicht mehr Berge überqueren müssen. Wir fahren einfach drunter durch und sparen Zeit – um sie an anderer Stelle zu verschwenden. Ich weiß nicht, über welche Anzahl Tunnel die Schweiz im Ganzen verfügt. Ich habe auch die Tunnel auf meiner Strecke nicht gezählt. Es waren viele. Der längste aller Schweizer Tunnel aber stand uns noch bevor. Siebzehn Minuten braucht der Zug, um ihn zu durchqueren – bei voller Geschwindigkeit. Neun Männer sollen ihr Leben dafür gelassen haben, ihn durch den Berg zu treiben. So sind sie, die Schweizer. Bringen Opfer für den Fortschritt! Haben der Welt weit mehr zu bieten als Käse und Uhren. Ein sauberes, ein kultiviertes Land, in dem es sich durch aus erträglich leben ließe. Jedoch, das muß man leider sagen, fehlt ihnen etwas ganz Entscheidendes: ein Zugang zum Meer! Eine Küste. Hafenstädte, Wellen, Muscheln, Strand. Ein ferner Horizont, an dem die Wasseroberfläche mit dem Himmels blau verschmilzt, und Segelboote, die mit dem Wind davonfahren. Deshalb würde ich mir in der Schweiz immer wie ein Gefangener vorkommen. Ich konnte, aus dem Fenster schauend, auch bald nichts Interessantes mehr für mich entdecken. Die mehr oder weniger atemberaubenden Landschaften wiederholten sich. Also betrachtete ich den mitfahrenden Hund. Wie ein Ferkel sah er aus, so klein, runzlig und dick. Sein Gebell, das er kurz zum Besten gegeben hatte, als ich das Abteil betrat, war mir wie ein Quieken vorgekommen. Trotz des frühlingshaften Wetters trug er einen kleinen Pullover oder eine Art Trikot, ein Hundebekleidungsstück in Schweizer Farben. So hockte er auf dem Sitzpolster. Sah mich mit seinen Hundeaugen an – und ich erwiderte seinen Blick. Jemand sagte einmal, man solle Hunden nicht in die Augen starren. Das mache sie aggressiv. Dieser hier ließ jede Aggressivität vermissen. Vermutlich war sie ihm abgezüchtet worden. Er war das Produkt einer langen Kette zielgerichteter Selektion und Kreuzung von Hunderassen. Ein Geschöpf, bei dem man sich kaum vorstellen konnte, daß es von einem Wolf abstammen sollte. Eigentlich fehlte ihm nur noch die Krawatte. Dann hätte er wie ein Schweizer Geschäftsmann mit Hundegesicht ausgesehen. Ein Schweizer Bankier. Ein Schweizer Diplomat. Die Frau, die mit ihm reiste, wirkte ziemlich reserviert. Hatte keinen Blick für mich übrig. Jedenfalls keinen mehr als nötig. […]
© A. Henry — Alle Rechte beim Autor. — Diese Leseprobe wurde dem Band „Jesus besucht die telefonistische Republik“ von A. Henry entnommen. — Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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A. Henry im Jahr 1985 in seiner ersten
Wohnung — Foto: galabuch.com
Die Alternativlosigkeit muss ein Ende haben. Die Stories sollen Anstöße geben, das alternativlose Denken zu durchbrechen.
Der Schriftsteller
»A. Henry sagt über sich: „Ich habe nichts mit dem berühmten O. Henry zu tun. Die Namensverwandtschaft hat keine Bedeutung.“ Auch die Romanfigur des Autors – jener gewisse Brahms – trägt einen fremden berühmten Namen. Man könnte es für Zufall halten, wenn man an Zufälle glauben würde ... 1989 gelang dem Autor eine erste Veröffentlichung mit der Novelle „Die Bandoneonspieler“ in einer Anthologie der Evangelischen Verlagsanstalt in Ost-Berlin. 1995 folgte der selbst publizierte Kurzgeschichtenband „Negative Schriften“. Weitere Texte wurden in dem Band „Jesus besucht die telefonistische Republik“ veröffentlicht.« (galabuch.com)
Das Buch

A. Henry: Jesus besucht die telefonistische Republik. Drei Stories. 56 Seiten. Verlag Galabuch, Eberswalde (2017/2018)
»Wie kommt Jesus in die telefonistische Republik? Warum sterben täglich Dichter? Was bedeutet das Brillen-Attentat auf einen Schweizer Hund? Drei erstklassige Stories in einem Band, Originalauflage (200 Exemplare)« (Verlagstext)
Leseproben
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