Hinweise auf Menschen
Zu Land, zu Luft
und auch zur See
»Die Tiefe des Bewusstseins kann nicht in Worten ausgesprochen werden. Sie bedarf einer Sprache, die offensichtlich ist, anstatt hindeutend.« — Gedanken von Sebastian Hennig zur Kunst des Leipziger Malerkollegen Axel Krause
Der Gegenwart. — 5. Dezember 2024
Von SEBASTIAN HENNIG | Die Anmut der menschlichen Gestalt und die Weise, auf die diese sich in den vom Menschen geprägten Raum einschreibt, beschäftigt die Künstler seit zweieinhalbtausend Jahren, von Phidias über Antonella, Raffael bis Watteau. Dieses Geheimnis wird unablässig umkreist in den Gemälden Camille Corots und Amadeo Modiglianis. Es letzthinnig ergründen zu wollen, wäre vermessen. Mit Edward Hopper, André Derain, Paul Delvaux und Balthus wird dieser Anspruch bis an die letzte Jahrtausendwende herangeführt. Längst in den Rang moderner Ikonen entrückte Gemälde künden davon. Seither jedoch haben die Künstler den Betrachtern sowie die Betrachter den Künstlern alle möglichen Aufgaben zugewiesen und Motive unterstellt. Offenbar unbeeindruckt davon schafft der Leipziger Maler Axel Krause wie jene Vorgenannten seine Bilder. Vielleicht ist er sogar dadurch beflügelt, vom Geist seiner Zeit angefochten, sich in einer uralten und stets neuen Spannung geborgen zu fühlen.
Die Szenerien sind bestimmt von einem Zusammenspiel in Einsamkeit. Dieses Eingewobensein und gleichzeitige Hervorragen aus der Landschaft, dem Gehäuse oder inmitten von Gerät, wie es die Maler aus ihrer Schau uns zur Anschauung bringen, führt uns auf schönste Weise das Rätsel des menschlichen Daseins vor Augen. Da schließt sich einmal die Faust um den Schaft des Speeres, dann wieder reichen zarte Hände ein Tablett mit einer dampfenden Teekanne oder ein Foliant liegt vor dem Gelehrten aufgeschlagen auf dem Pult, während hinter dem Hieronymus sein Löwe durch die schattige Halle schnürt. An die Stimmung dieses Bildes von Antonella da Messina aus der Londoner Nationalgalerie erinnern mich die Innen- und Außenräume auf Axel Krauses Tableaus, aber auch an jenen an am Baum gefesselten Sebastian des gleichen Malers in der Dresdner Galerie. Die klare Luft auf diesen Bildern wirkt wie ein Verstärkungsglas, das die Farben satter macht. Die Figuren, Kreaturen und Gegenstände sind in sich versunken und doch aufeinander bezogen.
Die eigensinnige Krausesche Ikonografie ist nicht dem Ovid, der Bibel oder den Heiligenviten entlehnt. Die Damen und Herren auf diesen Bildern steigen aus den Träumen der titanischen Welt an die Oberfläche. Ihr Habitat sind die Werkstätten, Bootsdecks, Bäder, Friseurläden, Rollbahnen und hintergründige Interieurs. Gleichwohl gibt es Reminiszenzen, für welche die Filmkunst einen Schmuggelpfad vorhält. Eric Rohmers umsorgte Marquise von O. gewärtigt durch die sperrangelweit geöffnete Verandatür die Einfahrt einer Flotte von Dampfwalzen. Eine Darstellung des Gehörs über einem spartanischen Schreibtisch verweist auf die Betäubung der Sinne. Auf der Auslegeware ringelt sich eine dunkle Otter. Rätselhaft bleiben die Gestalten der vormals alltäglichsten Dinge. Der kupferne Zylinder des Badeofens mit der muschelartigen Emaillewanne ist schon 1998 auf einem Bild Krauses zu sehen. Wir kennen diese Aura von Gegenständen von dem Apfelweib, welches dem Studenten Anselmus im bronzenen Türklopfer entgegen grinst, bei E. T. A. Hoffmann in seiner Geschichte vom Goldenen Topf. Das Lebendige erstarrt in dem Maß, indem das Starre aufzuleben beginnt. Die geworfenen Bilder sind präsenter als die Bediener der Projektoren selbst. Eine verdeckte Welt bricht durch und auf eine vermeintliche Gewissheit legt sich der Schleier des Rätselhaften. Die Romantik ist nicht beschaulich. Sie bringt den Mut zur Wirklichkeit hinter der Erscheinung auf. Schneebedeckte Gipfel, die Weite des Ozeans, dampfbetrieben Bildwerfer, Flugapparate in der Weite des Äthers. Im Gespräch hat der Künstler bekannt, seine Bildwelt sei „in den Einzelheiten nachvollziehbar und in deren Zusammenhang letztendlich nicht wirklich zu verstehen.“
Auch das Unterbewusstsein ist Teil des Bewusstseins, beziehungsweise dieses der belichtete Teil von jenem Fundament. Pilze ziehen sich meilenweit im Boden hin. Wir nehmen ihr Dasein nur wahr, wenn aus dem Myzel ein Fruchtkörper sich an das Tageslicht schiebt. Die Tiefe des Bewusstseins kann nicht in Worten ausgesprochen werden. Sie bedarf einer Sprache, die offensichtlich ist, anstatt hindeutend. Darum formuliert sich das Unterbewusste in Bildern aus Farben und Formen, so wie auch die Wirkung vollendeter dichterischer Sprache ursächlich aus Vokalen, Konsonanten und Perioden, dem An- und Absteigen der Lautmelodien herrührt und nicht aus einer Nachricht, die darin vermittelt wird. Ein Gedicht ist nicht metrisch, damit der Rezitator das darin bezeichnete Ereignis besser behalten und wiedergeben kann. Ereignisse geschehen, um Anlass zum Gesang, zur Schilderung zu geben.
Die Verrichtungen der Gehilfen in den hochgeschlossenen weißen Kitteln lassen sich auch als festliches Ballett erleben, das sich selbst zelebriert. Wie Rosenzüchter stehen sie geheimnisvoll hybriden Apparaturen gegenüber, aus denen uns etwas blüht. Eine friedvolle Stimmung greift um sich. Das zuweilen Schockierende wird durch die betonte Flächigkeit und Farbigkeit gedrosselt. Die alten Chinesen verwendeten das Schießpulver nur für Feuerwerke. Sie haben damit weder Häuser in die Luft gesprengt noch Menschen zerfetzt. Ähnlich wirken die verwirrenden Apparaturen der technoid-humanen Bilder von Krause bisweilen, wie Reaktoren und Aggregate, deren Aufgabe es ist, einen riesigen Regenbogen über einem bislang hoffnungslosen Horizont auszuspannen. So behutsam, wie diese Szenerien gemalt sind, so sachte vermitteln sie dem Betrachter die Gewissheit, dass der Demiurg dieser unergründlichen Welt, wenn er schon kein väterlicher Schöpfer ist, so doch nicht geradezu aus berechnender Grausamkeit handelte, als er dieses alles werden ließ. ■
© Sebastian Hennig — Aus: Axel Krause: BLAU PAUSE. edition buchhaus loschwitz (2024) ⋙ Link — Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Was mich (…) interessiert, ist das Doppelleben der konkreten Erscheinungen der Realität, ihre rationale Einordnung und Lesbarkeit und ihre parallel dazu existierenden Bedeutungsebenen.
Lebensdaten
Axel Krause (* 23. Oktober 1958 in Halle (Saale)) ist ein deutscher Maler und Grafiker. Er gilt als exponierter Künstler der Neuen Leipziger Schule.
Axel Krause lebt und arbeitet in Leipzig. Bilder von Axel Krause wurden u. a. beim New Yorker Auktionshaus Sotheby’s versteigert. Im Dezember 2018 hat der Deutsche Bundestag das Werk Puppenhaus für seine Kunstsammlung angekauft. Axel Krause studierte von 1981 bis 1986 Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Dietrich Burger, Volker Stelzmann, Günter Thiele und Arno Rink und schloss mit dem Diplom ab. Von 1975 bis 1977 hatte er bereits eine Ausbildung zum Facharbeiter für Reproduktionstechnik absolviert. Vor der Wende hatten Axel Krause und Neo Rauch ein gemeinsames Atelier in Leipzig. Im November 1989 nahmen beide zum ersten Mal an einer Ausstellung im Westen teil und zwar bei der Großen Kunstausstellung NRW in Düsseldorf vom 19. November 1989 bis zum 1. Januar 1990. Von 1990 bis 1993 arbeitete Krause als Theatermaler an der Oper Leipzig. Parallel zu seiner Tätigkeit als Theatermaler wirkte er von 1989 bis 1999 als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Abteilung Abendakademie. In der Fachrichtung Malerei unterrichtete er figürliches Zeichnen und Akt. Von 1994 bis 1996 absolvierte Krause zudem ein Aufbaustudium in Kunsttherapie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. (Wikipedia)
Sebastian Hennig (* 1972 in Leipzig) ist ein deutscher Maler, Kunstkritiker und Publizist. Er ist der Sohn des Malers und Kulturwissenschaftlers Hans-Joachim Hennig und der Kunstwissenschaftlerin Gitta-Kristine Hennig. Von 1988 bis 1991 absolvierte Hennig Förderklasse und Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK Dresden) bei Helmut Symmangk, Horst Weber und Regina Fleck. Von 1992 bis 1998 studierte er Malerei und Grafik an der HfBK Dresden. Das Grundlagenstudium absolvierte er bei Elke Hopfe, Siegfried Klotz und Wolfram Hänsch, die Fachklassen bei Claus Weidensdorfer und Max Uhlig, seinen Diplomabschluss machte er bei Ralf Kerbach. Neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als bildender Künstler schrieb er Bücher sowie Beiträge für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften sowie für den Hörfunk. (Wikipedia)
Literaturhinweis
»„‚Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.‘ In eben diesem, von Caspar David Friedrich formulierten Sinne, verstehe ich, was ich tue: Mir und Anderen Auskunft geben von der Welt in mir, von Erinnerungen, Ängsten, Wünschen und Bestrebungen, beglückend, beklemmend, konstruktiv, ordnungsverliebt, absurd, verwirrend und rätselhaft. In banal alltägliche, surreale oder exotische Bildstoffe gegossen. Als Angebot an den Betrachter um im günstgsten Fall eine besondere Art der Verbindung herzustellen – Resonanz.“ (Axel Krause) — Das vorliegende Buch ist ein Ausschnitt der Arbeiten von Axel Krause, die aus verschiedenen Zeiten stammen und einem emotionalen Ordnungsprinzip folgen, keinem chronologischen. Sie sind Rückschau auf Vergangenes, ergänzt um verschiedene Texte zu ihm wichtigen Themen, sowie jeweils einem Text von Hans-Joachim Maaz und Sebastian Hennig. — Axel Krause wurde 1958 in Halle an der Saale geboren, studierte von 1981 bis 1986 Malerei an der HGB Leipzig und von 1994 bis 1996 an der Hochschule für Bildende Kunst Dresden Kunst-Therapie. Leipzig ist seine Wahlheimat geblieben, wo er lebt und arbeitet. Zahlreiche Ausstellungen führten ihn ins europäische Ausland, in die USA und nach Asien.« (Verlagstext)
