Hinweise auf Menschen
Elazar Benyoëtz
Der österreichisch-israelische Aphoristiker und Lyriker schreibt in deutscher Sprache und gilt als „Dichterliebling der Theologen“.
Der Gegenwart. — 8. Januar 2025 — Nach einem Zufallsfund in der Bücherzelle.
Freilich sind es auch die zahlreichen Bezüge zur Bibel, die Elazar Benyoëtz für Christenmenschen attraktiv macht. Als 20-jähriger hatte Benyoëtz das Rabbinerexamen abgelegt. Sein lyrisch-philosophisches Werk aber will er vor allem künstlerisch verstanden wissen.
Judith Wipfler (SRF): »Kurze Rede, langer Sinn: Die Sprachkunst des Elazar Benyoëtz«, 15.4.2017
Aus dem VERLAGSTEXT | Eigentlich war Deutschland für den Juden Elazar Benyoëtz nach dem Zweiten Weltkrieg tabu. In den 60er-Jahren nämlich war es ein ungeschriebenes Gesetz der Opfer, nicht ins Land des Holocausts zurückzukehren. Der 1937 in Wien geborene Schriftsteller setzte sich darüber hinweg und machte sich auf, den verbotenen Boden mit einer Übersetzung seiner Lyrik und der Idee einer „Bibliographica Judaica“ von Israel aus zu betreten, hin zur wohl bekannten Fremde. Er reiste durch ganz Deutschland, erlernte eigens die deutsche Sprache, diskutierte und korrespondierte mit Geistesgrößen wie Theodor W. Adorno, Marie Luise Kaschnitz und Ernst Bloch – immer beseelt vom Gedanken, dass derjenige die deutsch-jüdische Literatur nicht verstehen könne, der nicht begriffen habe, dass sie „von deutschen Juden und für Deutsche geschaffen worden“ sei: „Deutsch geschrieben, auf Deutsch gedacht, auf Deutschland hin und zu“ lautet dementsprechend eine zentrale Stelle in Allerwegsdahin: „Mein Deutsch, im stechenden Glanz Jerusalems sich windend, hat rhein-jüdische Quellen.“
Heute gilt Elazar Benyoetz, der inzwischen längst wieder nach Jerusalem zurückgekehrt ist, als einer der größten Aphoristiker nicht jüdischer, sondern deutscher Sprache. Hiervon kann sich nun jeder überzeugen, der den rundherum lohnenswerten Band Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche zur Hand nimmt. Gespickt mit Bonmots schildert Benyoëtz hier seine Fahrt durch geschichtlich belastetes Terrain, aber auch seine Reise hin zur deutschen Sprache, die nicht zuletzt auch die der (jüdisch geprägten) Aufklärung gewesen ist. Immer wieder wird „Immanuel“ dergestalt zu einer Art Schutzpatron. Und an anderer Stelle heißt es: „Und ich -/ ein Jude nach Auschwitz,/ ein Israeli in Jerusalem -/ auf Mendelssohn/ zurückgeworfen.“ Hier zeigt sich der Lyriker im Aphoristiker: sprachvirtuos und bestechend wie im ganzen Buch. – Thomas Köster
Über den Autor: Elazar Benyoetz wurde 1926 in der Wiener Neustadt als Sohn österreichischer Juden geboren. 1939 emigrierte er nach Israel, wo er in hebräischer Sprache aufwuchs. Im Jahr 1957 erschien sein erster Gedichtband. Von da an lebte er als freier Schrifsteller. 1964 kam er im Rahmen des Programms „Artists in Residence“ der Ford-Foundation nach Berlin. Im Jahr darauf gründet er die von der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft geförderte Bibliographia Judaica. Seit 1969 lebt er wieder in Israel. 1988 erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis, 1997 den Bundesverdienstorden für seine Verdienste um die deutsche Sprache.
Zitiert aus dem Verlagtext: »Elazar Benyoëtz: Allerwegsdahin« auf Amazon ⋙ Link
Durch die Kraft der scheinbar einfachen Worte
Von Amazon-Rezensent ROLF BLATZHEIM | Für Elazar Benyoëtz ein bündiges Attribut zu finden, fällt nicht leicht. „Allerwegsdahin“, hier unbegreiflicherweise noch nicht besprochen und für ein paar Cent verschiedentlich feilgeboten, halte ich verlegerisch für eins der wichtigsten Bücher von ihm. Seit mehr als 30 Jahren mit seinem Werk vertraut, zeichnet sich auch „Allerwegsdahin“ durch die Kraft der scheinbar einfachen Worte aus, vertraut auf sie durch höchste Klarheit, auf die Wahrheit in der Sprache, denn sie setzt einen bestimmten Leser voraus, der nicht schnell und gehässig aburteilt, sondern – naiv und tollkühn – sich die Zeit nimmt, Aussagen mehrmals und nachhaltig zu überdenken, in die Worte wie ein Archäologe hineinzureisen. Der Leserkreis dürfte klein und scharf umrissen sein wie Benyoëtz' Vokabular, das mitunter an das einer christlichen Zeitschrift erinnert, klein ist gegenüber den Bedeutungen, die es herausfordert. „Die Sprache sucht sich ihre Fürsprecher aus und bestimmt sie“, ist nur eine von vielen Aphorismen, die dem Wort „bestimmen“ nachgehen. Weitere Worte, die einem immer wieder begegnen und die Benyoëtz immer wieder variiert, sind „Glaube“, „Erinnerung“ und die scheinbaren Synonyme „Sinn“ und „Bedeutung“.
Zitiert nach: Rolf Blatzheim »Das Beste wider das Vergehen«, 10. März 2011
Ich suche keine Erklärungen, ich suche meine Brüder
Elazar Benyoëtz
Lebensdaten
Elazar Benyoëtz (geboren 24. März 1937 in Wiener Neustadt als Paul Koppel als Sohn österreichischer Juden) ist ein österreichisch-israelischer Aphoristiker und Lyriker. Der Name Ben-yoëtz bedeutet Sohn des Ratgebers. 1938 emigriert er mit der Familie nach Palästina, wo er seit 1939 in Jerusalem lebt. 1959 hat er das Rabbinerexamen abgelegt. Zwischen 1964 und 1968 wohnte er in Berlin, wo er 1964 die Bibliographia Judaica gründete. Benyoëtz schrieb seine ersten Gedichtbände auf Hebräisch, seine Essays und Aphorismenbände (seit 1969) sind fast ausschließlich in deutscher Sprache erschienen. Thema seiner Bücher ist neben religiösen Stoffen oft die Sprache selbst. Benyoëtz ist seit 2003 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Seit 1968 ist Benyoëtz mit der Malerin und Kalligraphin Renée Koppel verheiratet, die unter dem Künstlernamen Metavel arbeitet. Der 1969 geborene Sohn Immanuel Koppel ist Romanist und Informatiker. (Wikipedia)
▬ Eine lange Liste der Werke und der Auszeichnungen auf Wikipedia ⋙ Link
Das Buch

Elazar Benyoëtz: Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche. 221 S. Arche, Zürich/Hamburg (2001)
Man antwortet nicht auf eine Frage, man antwortet dem Fragenden
Elazar Benyoëtz
Elazar Benyoëtz liest
German and Hebrew Poetry reading of/with Elazar Benyoetz (Leo Baeck Institute Jerusalem; 5.4.2020; 7:24 min.)
»To mark the occasion of Elazar Benyoëtz 83rd birthday, the Leo Baeck Institute Jerusalem, together with the Franz Rosenzweig Minerva Research Center for German-Jewish Literature and Cultural History at the Hebrew University, had originally planned to organize Benyoëtz‘ first bilingual, German-Hebrew poetry reading. However, like so many other events, his reading, titled: „Es dunkelt wie mir scheint" had to be cancelled due to the Covid-19 pandemic. Fortunately, however, Elazar Benyoëtz had agreed upon compiling a small selection of his German and Hebrew aphorisms for a virtual reading, which you can find in this video.«
Glücklich der Mensch, dessen Sprache ihm die Treue hält
Elazar Benyoëtz