So steht es geschrieben
Ein deutscher Erzähler
Romane von Gustav Schröer wie »Heimat wider Heimat« hatten vor allem auf dem Lande verwurzelte Helden: „Gestalten, die uns nicht mehr erreichen“.
Der Gegenwart. — 7. Mai 2026 — Nach einem Zufallsfund in der Bücherzelle.
Wenn mir heute jemand von Armut und Not redet, dann kann ich ihm sagen: Das alles habe ich bitter genug am eigenen Leibe erfahren. Wir waren sieben Geschwister, drei davon sind gestorben. Unter Opfern haben meine Eltern, unterstützt von treuen Helfern, ermöglicht, daß ich Lehrer wurde.
Gustav Schröer
Nach seiner Ausbildung als Organist und Küster arbeitete Gustav Schröer 1896 für einige Monate in Ziegenrück, von wo aus er am 1. Juli nach Eßbach versetzt wurde. Neben seiner Arbeit als Lehrer war er ab 1913 auch schriftstellerisch tätig. 1920 wurde er als Bezirksjugendpfleger nach Erfurt berufen, 1922 auf die Stelle eines Landesjugendpflegers in Weimar. Ab 1924 war Schröer zusammen mit dem Pfarrer August Ludwig sowie den Kirchenräten Ernst Seidel und Otto Senffleben Herausgeber der protestantischen, im Wartburg-Verlag erscheinenden Kirchenzeitung Glaube und Heimat. Von 1928 bis 1932 brachte er die Zeitschrift des Thüringer Landbunds „Die Pflugschar“ heraus.
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten gehörte Schröer im Oktober 1933 zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben hatten. Nach Kriegsende wurden seine Werke Volk im Schmiedefeuer (1934) und Die Flucht von der Murman-Bahn (1935) in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.
Schröer hat insgesamt fast 70 Bücher veröffentlicht, neben den Leipziger Verlagen Hesse und Becker sowie Quelle und Meyer vor allem beim Bertelsmann-Verlag. Alle fanden eine hohe Verbreitung und waren für ihn auch ein wirtschaftlicher Erfolg. Heimat wider Heimat zählte zu den bestverkauften Titeln und erreichte zwischen 1933 und 1945 eine Auflage von 600.000 Exemplaren.
Seine Romane hatten vor allem auf dem Lande verwurzelte Helden. Sein Werk kann dem Bürgerlichen Realismus zugeordnet werden. Es weist teilweise starke nationalistische Züge auf.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Schr%C3%B6er
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Zur Neuausgabe
Tiefe kulturelle Wurzeln
»In „Heimat wider Heimat“ thematisiert der Autor Gustav Schröer die komplexen Beziehungen zwischen Identität und Entfremdung im Kontext der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Das Buch reflektiert die innere Zerrissenheit und die Suche nach Zugehörigkeit in einer Zeit, in der traditionelle Werte zunehmend fragwürdig werden. Schröer kombiniert deftige, bildreiche Prosa mit einer lyrischen Erzählweise, die den Leser dazu anregt, die eigene Auffassung von Heimat zu hinterfragen und sich mit den tiefen kulturellen Wurzeln auseinanderzusetzen. Als Teil der sozialkritischen Literatur der Nachkriegszeit bietet es eine fundierte Analyse der gesellschaftlichen Umbrüche und stellt somit einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Literatur dar. Gustav Schröer, geboren in einer kleinen Stadt im Nachkriegsdeutschland, ist bekannt für seine tiefgründigen und oft autobiografischen Werke. Sein literarischer Schaffensprozess ist stark von seinen eigenen Erfahrungen in einer zerrissenen Gesellschaft geprägt. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und der kollektiven Erinnerung ist ein zentrales Motiv in Schröers Werk. Diese Hintergründe geben einen wertvollen Kontext für die Entstehung von „Heimat wider Heimat“ und belegen seine Fähigkeit, persönliche und gesellschaftliche Themen miteinander zu verknüpfen. Dieses Buch ist eine eindringliche Lektüre für alle, die sich mit der Frage nach der eigenen Identität und dem Begriff Heimat auseinandersetzen möchten. Schröers einfühlsame und prägnante Darstellung macht das Werk zu einem wichtigen Beitrag für Leserinnen und Leser, die die Feinheiten des menschlichen Daseins in einer sich ständig verändernden Welt erforschen möchten. Ein empfehlenswerter Begleiter für Literaturinteressierte und all jene, die über die Eigenheiten des Heimatbegriffs nachdenken wollen.«
Quelle: Verlagstext (Verlag Sharp Ink, 2024) ⋙ Link
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Leseprobe
Das Land ein Paradies
Der Steig mündete auf die breite Fahrstraße. Da wartete der Meister, bis der andere neben ihn trat. Er war jetzt wieder, der er von Natur aus war, ein lieber, bescheidener, immer ein wenig ängstlicher Mensch. Seine Fragen nach dem Namen, nach Woher, nach Vater und Mutter brachte er schüchtern heraus, und wenn Heinrich Pimpfel einen Schritt machte, so legte Meister Hempel zwei zurück. Es dauerte nicht lange, so ward, was Hempel vorhin als Gunst zu verteilen geneigt getan, deutlich zur Gunst, um die er bat. Als er merkte, daß der Geselle so viel Gefallen an dem Städtchen im Engtale und an dem Lande rundum fand, lobte er beide über den grünen Klee. Der Bürgermeister von Langenbrück war eine Leuchte von Weisheit und Güte, die Bürger waren Engel, das Land ein Paradies.
Unter diesen Engeln gab es einen einzigen, der keiner war, Meister Hempel, und in dem Paradies ein einziges Fleckchen, das keines war, Meister Hempels Haus. Als er von dem letzteren sprach, da war jedes Wort eine Bitte um Verzeihung. Es kam alles stockend heraus. Daß er Junggeselle sei, nicht einmal eine Haushälterin habe, jeden Tag Ordnung mache und doch nie in Ordnung käme, daß er, das klang fast weinerlich, das sei, was die Menschen einen Sonderling nennten. Er sammele allen möglichen Kram, alte Krüge und Schüsseln, Leuchter und Becken aus Zinn, weil es ihm in der Seele weh täte zu sehen, wie die Klempner den schönen Hausrat, auf den einst so viel Liebe und Sorgfalt verwendet worden sei, mit ihren groben Blechscheren zerschnitten. Dann sammle er auch alte Bücher und Bilderhefte, – Gartenlauben habe er jetzt wohl mehr als hundert Stück, – aber wenn Heinrich das nicht wolle, dann werde Meister Hempel die Hefte verbrennen. Ja, das werde er. Überhaupt werde nun alles ganz anders und viel schöner werden.
Der Mund über dem zerzausten Vollbart ging wie ein Mühlenrad. Meister Hempel, das große Kind, schwatzte, aber Heinrich Pimpfel verzog nicht einmal den Mund zu einem Lächeln darüber. Es gab nichts zu lachen. Aus dem ganzen, hastig durcheinander geworfenen Kunterbunt klang eine rührende Herzlichkeit. Des Mannes Leben war von Tragik umwittert. Heinrich Pimpfel spürte es, und als ihm Hempel, tränenfunkelnden Auges, die Hand entgegenstreckte: »Du bleibst doch bei mir?« da legte der junge Mann seine Hand in die des Alten: »Ja, ich bleibe.« Sowenig der eine wußte, was er forderte, so wenig wußte der andere, was er versprach. Was tat es! Es hatten sich zwei Herzen ineinander gesenkt.
Als er das Ja erhalten, war Meister Hempel so übermütig, daß er vorschlug, bei Mutter Hübner einen Krug Bier zu trinken, obwohl er im Jahre kaum zweimal in ein Wirtshaus kam. Heinrich Pimpfel bat, das auf morgen zu verschieben. Jetzt wäre es ihm lieber, wenn sie heimkämen. Der Meister lenkte in den schmalen Steig ein, der rechts abbog und ziemlich steil hinabführte. Rundhölzer waren in bestimmten Zwischenräumen über den steinigen Weg gelegt, um das Regenwasser aufzuhalten und nach der Seite hin abzuleiten. Ein Geländer aus Stangen, die durch vieles Anfassen längst glatt geworden waren, schützte nach der Hangseite zu. Strauchwerk, Haselnußbüsche, Hartriegel, Bergholunder stand unter hohen Eichen, Buchen und einigen Fichten. Der ganze Bestand war regellos und fast ungepflegt. Zwischen dem Strauchwerk schwangen heute Tausende von Glühwürmchen ihre Fackeln.
Heinrich Pimpfel stolperte des öfteren, weil er bald hinauf nach dem Schlosse mit seinem gewaltigen steilen Dache sah, bald hinab nach dem Stadtbache, dessen kleine Wellen im Lichte des Sommerabends schimmerten, bald auf das Gauklervolk, das um Büsche und hochstengelige Blumen tanzte. Als er einmal beinahe auf Meister Hempel gefallen wäre, fragte der, mit welchem Bein er gestolpert sei. »Mit dem linken,« sagte Pimpfel.
»Dann bedeutet es etwas Gutes,« erklärte der alte Uhrmacher.
Sie kamen, den Bach auf schmaler Brücke überquerend, auf den Marktplatz. Ach, was ist der Marktplatz von Langenbrück schön! Hätte Meister Spitzweg die Häuser rund herum bauen dürfen, er hätte sie kaum anders geschaffen, als sie dastanden, abgesehen etwa von Nachbar Sorges gradlinigem Kasten, und sie sicher auch nicht anders angeordnet, als es die Bürger nach dem großen Brande im Dreißigjährigen Kriege getan hatten. Aus der Zeit stammten die Häuser, und nur das Stadttor, das den Marktplatz links abgeschlossen hatte, war niedergerissen worden. Der Platz stieg nach der Kirche St. Bartholomäi zu an und war so wundervoll bucklig, daß das Mondlicht übermütig von Stein zu Stein hüpfte, und mitten auf dem Markte blühte ein rotgesäumtes Gänseblümchen. Die Kirche sah von oben her auf den Platz und das Städtlein. Ein Ziegel, den man bei der letzten Ausbesserung gefunden, trug die Jahreszahl 1224. Vor dem Jahre 900 hatte sich nachweislich überhaupt kein christlicher Sendbote in die engen, walddüsteren Täler der oberen Saale und ihrer Nebenflüsse gewagt, und noch heute führt nur eine Straße von sieben Kilometer Länge an dem Wege entlang, den das lustige Kind des Fichtelgebirges macht, und der, die vielen Bogen gerechnet, etliche hundert Kilometer lang ist. Die Straßen gehen alle draußen auf den Hochflächen und kämpfen sich da noch mühsam genug durch das Land.
Wie eine breite, behäbige, immer gütige und weise Großmutter sah die Kirche St. Bartholomäi auf das Städtlein, und wer Ohren dafür hatte, hörte sie in der Nacht Zwiesprache halten mit dem Türmchen des steilgiebeligen Rathauses, das, sehr viel leichtsinniger als der dicke Nachbar von St. Bartholomäi, als übermütiger Reiter auf dem Dache saß. Im übrigen schwang dieses Türmchen die Zeitenpeitsche genau so gut wie der Turm von St. Bartholomäi. Niemand nahm es wichtig, und es war doch so unerhört hart, den Menschen Minute um Minute, Stunde um Stunde zu nehmen und sie in die immer offene Hand der Ewigkeit zu legen. Die Uhr tat es so zart, so helltönend, daß niemand den bitteren Ernst ihres Tagewerkes spürte. Niemand, außer Meister Hempel, hatte Not um der Uhr willen. Der aber hatte sie dafür um so mehr. Er fürchtete sich nicht, aber es gab angenehmere Wege als den über den finsteren Rathausboden, auf dem einen aus hoch aufgestapelten Akten die Jahrhunderte anstarrten. Damit fand sich der Meister ab. Aber die Treppen! Die schmalen, steilen Treppen mit ihren insgesamt wohl fast hundert Stufen!
Das kecke Rathaustürmchen sollte, so ging die Mär, stille Liebschaften haben, und zwar einmal mit den beiden halbrunden Steinbänkchen in den Nischen an Meister Hempels hochbogiger Haustür, zum anderen mit der Toreinfahrt gegenüber an Nachbar Reuters Hause, an der einst eine längst vermoderte Hand allerlei kunstvolles Figurenwerk in den Stein gegraben. Wenn man nun noch das Kramlädchen der Witwe Berndt nimmt, zu dem vierzehn Stufen hinanführen, und Gottfried Schneiders Gehöft, dessen Miststelle bis an die Straße vorstößt, sich aber schamhaft hinter einem braun gestrichenen Plankenzaune verbirgt und ihr Dasein nur der Nase verrät, dann hat man den ganzen Marktplatz von Langenbrück. Auf dem stand jetzt Heinrich Pimpfel, lachte aus vollem Halse und sagte, das alles stamme gewiß noch von Anno Tobak her, und wenn die Menschen so seien wie die Häuser, dann müsse es sich hier gewiß gut und behaglich wohnen lassen.
Gustav Schröer: Heimat wider Heimat im projekt-gutenberg.org, Ausschnitt aus Kapitel 1 ⋙ Link

Gustav Wilhelm Schröer
Foto: kulturstiftung.org
Niemals habe ich mich einen Dichter genannt. Es genügt mir, ein deutscher Erzähler zu sein.
Gustav Schröer
Lebensdaten
Gustav Wilhelm Schröer (* 14. Januar 1876 in Wüstegiersdorf, Kr. Waldenburg (Schlesien); † 17. Oktober 1949 in Weimar) war ein deutscher Schriftsteller. (Wikipedia)
Das Buch

Gustav Schröer: Heimat wider Heimat. Roman. 306 Seiten. Umschlagzeichnung von Hans Meid. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh (1929; 18. Auflage; letzte Auflage dort 1953)
Sein Werk veraltete
Deutlich ist Schröers nationale Tendenz – so im Volksbuch vom Thüringer Befreiungskampf gegen Napoleon, Volk im Schmiedefeuer (1934), oder im Weltkriegsbuch Flucht von der Murmanbahn (1917). Schröer, der Schlesier und Wahlthüringer, verschloß sich auch sozialen Problemen nicht – wie sein Buch von den Kämpfen und Nöten arbeitsloser Menschen zeigt (Wir lassen uns nicht unterkriegen, 1934). Und an das schwere Dasein der Thüringer Buckelapotheker und Laboranten im 19. Jahrhundert erinnert Das Schicksal der Käthe Rotermund. Eine seltene Fülle an Menschen und Schicksalen, Gestalten, die uns nicht mehr erreichen – sie sind vergessen und reden womöglich in einer uns nicht mehr vertrauten Sprache. Ein durchaus normales Schriftstellerschicksal, das Schröer zuteil wurde, der einmal von sich sagte: „Niemals habe ich mich einen Dichter genannt. Es genügt mir, ein deutscher Erzähler zu sein.“ Damit hat er wohl selbst seine Grenze abgesteckt. Sein Werk veraltete mit den Maßstäben und dem Geschmack seiner Zeit.
Günter Gerstmann über Gustav Wilhelm Schröer ⋙ Link