Vokabularium
Oumuamua, Borisov und Atlas
Kometen und Asteroiden ziehen ihre Bahn auch durch unser Sonnensystem. Astronomen verfolgen aufmerksam die interstellaren Objekte.
Der Gegenwart. — 30. Juli 2025
Das astronomische Frühwarnsystem Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System (ATLAS) entdeckte am 1. Juli 2025 mit einem Teleskop am El-Sauce-Observatorium in Chile auf vier Aufnahmen ein Objekt bei einer Helligkeit von 17,8 mag, das möglicherweise der Erde nahekommen könnte (Near-Earth Object, NEO). Es konnte umgehend festgestellt werden, dass das Objekt bereits seit dem 14. Juni mehrfach mit der Zwicky Transient Facility (ZTF) am Palomar-Observatorium in Kalifornien und mit ATLAS in Chile, Südafrika und auf Hawaiʻi beobachtet worden war, und es konnten dadurch erste Bahnbestimmungen durchgeführt werden.
Dabei zeigte es sich, dass sich das Objekt auf einer stark hyperbolischen Bahn bewegt, die es nicht nahe zur Erde bringt. Da es auch Anzeichen einer kometarischen Aktivität gab, wurde der Himmelskörper als drittes interstellares Objekt und als Komet eingestuft und erhielt seine entsprechende Bezeichnung. In der Folge konnte der Komet sogar auf Aufnahmen der ZTF aufgefunden werden, die bis zum 22. Mai 2025 zurückreichen, als seine Helligkeit noch bei 20,5 mag lag.
Der Komet befand sich zum Zeitpunkt seiner Entdeckung bei etwa 4,51 AE Sonnenabstand im Bereich des äußeren Asteroidengürtels zwischen den Umlaufbahnen der Planeten Jupiter und Mars und bewegte sich weiter auf die Sonne zu. Seine Helligkeit wird erwartungsgemäß bis zu seiner größten Sonnennähe weiter zunehmen, er wird aber nur mit starken optischen Hilfsmitteln oder größeren Teleskopen beobachtbar sein. Ab Ende September/Anfang Oktober wird er von der Erde aus zunächst nicht mehr zu sehen sein, da er dann am Abendhimmel zu nahe bei der Sonne steht. Ab Anfang November ist er dann wieder am Morgenhimmel zu beobachten.
Bahn des Kometen
Für den Kometen konnte (Stand: 21. Juli 2025) aus 762 Beobachtungsdaten über einen Zeitraum von 60 Tagen eine stark hyperbolische Bahn bestimmt werden, die um rund 175° gegen die Ekliptik geneigt ist. Sie verläuft damit nahezu in der Bahnebene der Planeten, aber er bewegt sich retrograd zu ihnen. Im sonnennächsten Punkt (Perihel), den der Komet voraussichtlich um den 29. Oktober 2025 durchlaufen wird, wird er etwa 203,0 Mio. km von der Sonne entfernt sein und sich zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Erde bewegen. Dem Mars wird sich der Komet um den 3. Oktober bis auf etwa 29,0 Mio. km (0,19 AE) nähern, aber der Erde wird er um den 19. Dezember nicht näher kommen als bis auf etwa 269,1 Mio. km (1,80 AE). Um den 16. März 2026 wird er den Jupiter in einem Abstand von etwa 53,4 Mio. km (0,36 AE) passieren.
Um den 24. November 2025 wird sich der Komet der Umlaufbahn des Mars bis auf einen geringen Abstand von etwa 2,7 Mio. km (0,018 AE) annähern, der Planet befindet sich zu diesem Zeitpunkt aber bereits weit entfernt.
Nach den Bahnelementen, wie sie in der JPL Small-Body Database angegeben sind, hatte die Bahn von 3I/ATLAS lange vor der Passage des inneren Sonnensystems noch eine Exzentrizität von etwa 6,163. Durch die Anziehungskräfte der Planeten wird seine Bahn nur wenig beeinflusst, seine Bahnexzentrizität wird zukünftig geringfügig auf etwa 6,143 verringert.
Der Komet näherte sich dem Sonnensystem aus Richtung des Sternbilds Schütze. Bei seinem Flug wird er durch die Anziehungskraft der Sonne um etwa 18,7° aus seiner ursprünglichen Bewegungsrichtung abgelenkt, so dass er sich zukünftig in Richtung der Grenze zwischen den Sternbildern Zwillinge und Orion entfernt. Durch seine hohe Geschwindigkeit könnte er bereits in etwa 8000 Jahren die Oortsche Wolke in 100.000 AE Abstand zur Sonne durchstoßen und dann mit noch etwa 58,0 km/s das Sonnensystem verlassen und in den interstellaren Raum zurückkehren.
Herkunft und galaktische Einordnung
Erste Modellrechnungen mit dem Ōtautahi-Oxford-Populationsmodell zeigen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass 3I/ATLAS tatsächlich aus der dicken Scheibe („Thick Disk“) der Milchstraße stammt – was ihn zum ersten bekannten ISO dieser Population macht. Der entscheidende Hinweis ist vor allem die vertikale Bahngeschwindigkeit (W-Komponente), die im Rahmen dieses Modells charakteristisch ist.
Physikalisch-chemische Zusammensetzung
Nach dem Modell stammt das Objekt aus einer Region mit niedriger Metallizität, was wiederum auf eine hohe Wasserstoff- und Eisfraktion hindeutet. Schon bei rund 4,4 AE vom Sonnensystemkern wurde eine leichte Komaaktivität beobachtet, was eine solide Bestätigung dieses Szenarios darstellt.
Altersabschätzung
Die Analyse zeigte außerdem, dass das Objekt wahrscheinlich älter ist als 1I/ʻOumuamua und 2I/Borisov; jüngere Alternativen unter 1 Milliarde Jahren gelten als unwahrscheinlich. Dennoch bleibt die Altersbestimmung aufgrund großer Unsicherheitsbereiche eher vage.
Keine gemeinsame Herkunft mit früheren ISOs
Eine vergleichende Analyse der Bewegungsparameter macht deutlich, dass 3I/ATLAS mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nicht aus demselben Stern- oder Haufensystem stammt wie 1I oder 2I. Eine isolierte, unabhängige Entstehung liegt näher und wird vom Modell unterstützt.
Größe, Aktivität und Populationsstatistik
Mit einem geschätzten Durchmesser bis zu 24 km – realistischer sind ~4–5 km – zählt 3I/ATLAS zu den größten bekannten interstellaren Objekten. Dies legt nahe, dass große ISOs häufiger auftreten könnten als bisher angenommen. Die frühzeitige Aktivität bei rund 4,4 AE deutet auf eine hohe Flüchtigkeitskomponente im Material des Körpers hin.
Entdeckungsbias und Zukunftsperspektiven
Obwohl seine Bahnparameter, wie das Argument des Perihels und der Eintrittswinkel, ungewöhnlich sind, liegen sie innerhalb der erwarteten Bandbreite des Ōtautahi-Oxford-Modells. Observatorien wie das Vera C. Rubin Observatory könnten zukünftig mehrere solcher Objekte finden, möglicherweise bis zu 50 pro Jahrzehnt, darunter auch große Exemplare wie 3I/ATLAS.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/3I/ATLAS

Gennadi Wladimirowitsch Borissow, 2019
Foto: Topp/Wikimedia
Lebensdaten
Gennadi Wladimirowitsch Borissow (englische Transkription Gennadiy Vladimirovich Borisov; * 26. Februar 1962 in Kramatorsk) ist ein russischer Teleskoptechniker und Amateurastronom. Er arbeitet am Observatorium auf der Krim des Sternberg-Institut für Astronomie der Lomonossow-Universität als Teleskoptechniker (nicht als Beobachter). Er entwirft und baut auch selbst Teleskope.
In seiner Freizeit beobachtet Borissow in seinem privaten Observatorium in Nautschnyj auf der Krim. In den Jahren 2013 bis 2017 entdeckte er sieben Kometen und einige erdnahe Objekte (z. B. 2013 TV135). Die von ihm entdeckten sieben Kometen sind: C/2013 N4 (langperiodisch), C/2013 V2 (hyperbolisch), C/2014 R1 (nahezu parabolisch), C/2014 Q3 (vom Halley-Typ), C/2015 D4 (langperiodisch), C/2016 R3 (langperiodisch), C/2017 E1.
Am 30. August 2019 entdeckte Borissow den ersten interstellaren Kometen 2I/Borisov (nach 1I/ʻOumuamua zweiter Besucher von außerhalb des Sonnensystems). Er benutzte dazu ein selbstgebautes 0,65-m-Teleskop. Das Objekt bewegte sich in eine Richtung, die leicht von der von Objekten des Asteroidengürtels abwich. Nach Vergleich mit den Daten des Minor Planets Center erkannte Borissow, dass es sich um ein neues Objekt handelte. Am 8. September 2019 wurde von Piotr Guzik und Michal Drahus vom Observatorium der Universität Krakau mit Hilfe ihres Computerprogramms Interstellar Crusher festgestellt, dass das Objekt sich nicht auf einer elliptischen, sondern einer hyperbolischen Bahn bewegt, also das Sonnensystem wieder ohne Wiederkehr verlassen wird. Die größte Annäherung an die Erde erfolgte am 28. Dezember 2019. Die Wahrscheinlichkeit für das Auffinden solcher interstellaren Objekte wurde nach Borissows Entdeckung auf ein Objekt pro Jahr erhöht, dieses ist das Ziel des im Juni 2019 gestarteten ESA-Programms Comet Interceptor.
Am 30. März 2021 veröffentlichte die ESA einen Bericht zu weitergehenden Untersuchungen von 2I/Borisov. Das Team stellte fest, dass der Komet polarimetrische Eigenschaften aufweist, die sich von denen der Kometen unseres Sonnensystems unterscheiden. Der Komet ist vor seinem Vorbeiflug an der Sonne wahrscheinlich nie in die Nähe eines anderen Sterns gekommen, was ihn zu einem unveränderten Relikt der Gas- und Staubwolke macht, aus der er sich gebildet hat.
2014 erhielt Borissow einen der jährlich an Amateur-Kometenentdecker vergebenen Edgar Wilson Awards, jedoch als „Special“-Version, weil mit beruflicher Kompetenz.
Die Bedeutung von Amateurastronomen bei der Entdeckung neuer Kometen (lange Jahre im Mittel drei pro Jahr) sieht Borissow schwinden, da die Anzahl der professionellen Beobachter und Teleskope zunimmt.
Gennadi Borissow war es auch, der am 21. Januar 2023 am Margo-Observatorium auf der Krim den Asteroid 2023 BU entdeckte, der am 27. Januar 2023 um 01.27 Mitteleuropäische Zeit (UTC+1) in nur 3.600 Kilometer Höhe am Südzipfel Südamerikas vorbeizog.
Am 19. Dezember 2023 wurde ein Asteroid nach ihm benannt: (624448) Gennadiyborisov. (Wikipedia)
Fakten & Daten
■ 1I/ʻOumuamua
Orbittyp: interstellarer Komet
Entdecker: Pan-STARRS
Datum der Entdeckung: 19.10.2017
Mittlerer Durchmesser: etwa 200 m
Bahngeschwindigkeit: 87,3 km/s
Infos ⋙ Link
■ 2I/Borisov
Orbittyp: interstellarer Komet
Entdecker: Gennadi W. Borissow
Datum der Entdeckung: 30.8.2019
Durchmesser: bis zu 1,4 km
Bahngeschwindigkeit: 43,9 km/s
Infos ⋙ Link
■ 3I/ATLAS
Orbittyp: interstellarer Komet
Entdecker: ATLAS
Datum der Entdeckung: 1.7.2025
Durchmesser: bis zu 24 km
Bahngeschwindigkeit: 68,3 km/s
Infos ⋙ Link
Gesteinsbrocken
Ein interstellares Objekt wie Oumuamua dringt gerade in unser Sonnensystem ein und es ist seltsam! (TheSimplySpace; 30.7.2025; 12:00 min.)
»3I/ATLAS – so lautet der Name eines rätselhaften Objekts, das derzeit durch unser Sonnensystem zieht und die Aufmerksamkeit der Astronomie auf sich lenkt. Es könnte sich wieder um einen äußerst seltenen interstellaren Besucher handeln – wie der berühmte Oumuamua, eines jener rätselhaften Objekte, die aus den Tiefen des Alls zu uns kamen und viele Fragen offenließen. Entdeckt wurde das neue interstellare Objekt vom ATLAS-System, das mithilfe leistungsstarker Teleskope in Hawaii und Südafrika kontinuierlich den Himmel überwacht. Was, wenn 3I/ATLAS kein gewöhnlicher Gesteinsbrocken ist, sondern wenn es geschickt wurde, um uns zu beobachten?«
Astronomie-Youtuber
Urknall, Weltall und das Leben ⋙ Link
Entropy – Wissenschaft Schnell Erklärt ⋙ Link