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Wegtreibende Welten
Im Roman »Eschenhaus« von Jörg Bernig gleitet Großbritannien aufs Meer hinaus und entfernt sich von Europa. Und die Zeit selbst beginnt zu driften.
Der Gegenwart. — 15. April 2026
»Wegtreibende und verschwindende Welten sind ein altes Thema der Literatur: Atlantis, Doggerland, Vineta …
In Jörg Bernigs Eschenhaus gleitet Großbritannien hinaus aufs Meer und entfernt sich von Europa. Selbst Alfred Wegeners Theorie von der Kontinentaldrift kann das nicht erklären. Auch auf dem Kontinent geraten die Länder in Bewegung, wenngleich auf andere Weise; Grenzen lösen sich auf, werden neu gezogen, wandern.
In dieser Zeit erbt Anna, eine aus Leipzig stammende und seit langem in Berlin lebende Zeichnerin und Buchillustratorin, von einem Unbekannten ein Haus an der walisischen Küste. Ein Haus, das wie ein Klippennest hoch über dem Meer schwebt und das nur auf sie gewartet zu haben scheint.
Dort am Meer versucht Anna herauszufinden, was es mit dem Erbe auf sich hat. Innere und äußere Wirklichkeiten zerfließen.
Auf dem Kontinent verschafft sich ein neuer Totalitarismus – ein Konglomerat der drei Buchreligionen und vergangener Gesellschaftsexperimente – mehr und mehr Zugriff auf das Denken und Handeln der Menschen. Otrelia, the Only True Religion, bildet Enklaven und Exklaven in Europa, expandiert und fordert.
Auch die Wirklichkeit eines vor langem verschwundenen Landes erscheint wieder und mit ihr Bilder und Stimmen des Gewesenen aus jener Welt hinter der Welt, welche das Leben von Annas Eltern bestimmte. Die Zeit selbst beginnt zu driften …
Individuelle, gesellschaftliche, geschichtliche, ja sogar geologische Gewissheiten geraten in Jörg Bernigs surrealistischer Parabel ins Fließen. Weil es sich bei diesem Buch aber um einen Roman handelt, wissen wir, dass alles nur erdacht und Kunst ist. Das mag uns für den Augenblick beruhigen.«
Quelle: Verlagstext
* * *
LESEPROBE
XXXII
Jörg Bernig: Eschenhaus (Auszug)
Alfred Wegener … Anna hatte sein Buch da liegen gelassen, wo sie es gefunden hatte, blätterte, las immer wieder darin, unterstrich Wörter, die ihr gefielen, die neu für sie waren. Anna hatte noch immer keine Idee, warum sein Buch über die Drift der Kontinente im Eschenhaus einen prominenten Platz einnahm, als sie dort ankam, vielleicht gab es auch keinen Grund dafür, vielleicht war das nur ein Laien-Interesse von Norman Argent gewesen, vielleicht auch hatte er das Buch von irgendwem geschenkt bekommen, der damit – weil es ja auf deutsch geschrieben war – nichts anfangen konnte und es deswegen diesem Doktor des Deutschen gegeben hatte. Oder verband vielleicht die in den Regalen stehenden Gedichtbände mit der Entstehung der Kontinente und Ozeane, daß es bei den einen wie bei dem anderen ja um Formung und Ausdruck ging? ›Hm‹, dachte Anna, ›wenn das nicht ein Gedanke eines Glasperlenspielers ist!‹
Anna fand heraus, daß Wegener ein, wie es hieß, besessener deutscher Forscher gewesen sei. Achtzehnhundertachtzig geboren und im Alter von fünfzig Jahren während einer Grönland-Expedition an Herzversagen gestorben. Da gibt es Bilder, die sein Grab zeigen: ein Kreuz, das von drei an Pflöcke gespannten Seilen festgehalten wird, damit es den arktischen Stürmen standhält. Rings um das Kreuz eine einzige Schneefläche. Schnee, Schnee. Bis zum Horizont. Aber diese Grabgestaltung entsteht erst später. Im Mai neunzehnhunderteinunddreißig entdeckt eine Suchexpedition das Grab, das von Wegeners Begleiter, dem Grönländer Rasmus Willumsen, angelegt worden war. Zwei Skier stecken dort im Schnee. Willumsen aber ist seither verschollen und mit ihm Wegeners Tagebuch.
Anna besah sich Norman Argents Bibliothek, nichts deutete auf ein gesteigertes Interesse an Geologie oder Arktisforschung hin, vielleicht war es Norman Argent ja so ergangen wie ihr jetzt, vielleicht hatte auch er sich festgelesen und begonnen zu recherchieren, ganz so, wie sie es jetzt tat. Lange galt Wegener als Meteorologe, fand sie heraus, auch noch, nachdem er seine Theorie zur Entstehung der Kontinente und Ozeane vorgestellt hatte. Da lag nicht nur eine wissenschaftliche Ausbildung, sondern auch der Kriegsdienst an der Westfront des Ersten Weltkrieges mit zweimaliger Verwundung hinter ihm. Erst ein paar Jahrzehnte nach Wegeners Tod erkennt man in der Wissenschaft, welchen Gedanken Wegener mit seiner Theorie von der Kontinentaldrift gedacht hat. Die Seismologie bestätigt, daß nur eine dünne feste Kruste auf einem plastischen Erdmantel schwimmt und daß es in unvorstellbarer Tiefe einen unvorstellbar heißen Erdkern gibt. Es wird Wegener des weiteren darin recht gegeben, daß nämlich die Erdkruste mit ihren Kontinenten und Meeresböden in sieben große und etliche kleinere Platten unterteilt ist und daß sich diese Platten bewegen, weil sie von den Wärmekonvektionen im Erdmantel angetrieben werden …
»Ein Planet, der um die Sonne kreist, dabei gleichzeitig um seine eigene Achse rotiert und dessen Oberfläche auf ihrem flüssigen Kern schwimmt und sich bewegt! Und das schon immer. Aha«, sagte Anna halblaut vor sich hin. »Da komme mir noch mal einer mit ›Aktualität‹.«
Und, so dachte sie weiter, waren dieses Herumlesen in Wegeners nun schon ziemlich betagter Theorie und das Herumrecherchieren, um diese oder jene Information zu diesem seit langem im grönländischen Eis liegenden Forscher zu finden, nicht bloß Ablenkungen, die sie, willkommenermaßen, auch in Gedanken noch weglockten von dem, woher sie gekommen war? Was sollte es dagegen denn einzuwenden geben? Wo steht denn geschrieben, daß das Aktuelle das Alleinrecht auf Aufmerksamkeit besitzt? ›Aktualität‹, wenn ich das schon höre! dachte Anna. Nennt die nicht eines dieser Allwissenheitsregister im Internet eines der Merkmale einer Tageszeitung? Die Aktualität, die kann mir gestohlen bleiben! Wenn man nur ein klein wenig unter Verfolgungsvorstellungen leiden würde, dann wäre es gar nicht abwegig, zu denken, daß es da ein paar Existenzen gibt, die sich die Aktualität ausdenken und die sie dann den anderen unter dem Deckmantel der ›Publizität‹ – ein weiteres Merkmal einer Tageszeitung laut Alleswisserseite – aufnötigen. Und zwar so geschickt, das muß man zugeben, daß die anderen glauben, es sei ihr eigenes Bedürfnis, sich mit dem Aktuellen zu befassen und in der Aktualität aufzugehen. Und damit man die Lesergemeinde nicht sich selbst und den überall abzweigenden Abwegen überläßt, erscheinen die Aktualitätsnachrichten fast die ganze Woche hindurch, das nennt man dann – drittes Merkmal – ›Periodizität‹. Selbstverständlich sorgen die Medienschaffenden in den Redaktionen für inhaltliche Vielfalt. – Häkchen an die Merkmalliste. – Und sei es nur eine Vielfalt, wie sie die verstehen. Klar, daß bei der Herstellung des Aktuellen nicht jeder drauflosschreiben kann, wie er will, darum gibt es ja eine Blattlinie, darum gibt es eine gewisse Terminologie. Damit nun die Zielgruppe nicht zu lange unversorgt bleibt, wird die Taktung der Mitteilungen und Deutungen verkürzt. Wer sich dem nicht entziehen will oder kann, dem wird rund um die Uhr ein Strom der Welterläuterung auf Computer, Mobiltelefone, Radios und auf überall montierte Monitore geschickt. Aktualität, wenn ich das schon höre! dachte Anna noch einmal.
›Erdkern, Erdmantel, Kontinentaldrift‹ … Ist es möglich, daß solche Worte heilen können, daß sie helfen, den Anprall und die Zumutungen des Alltags zu überstehen? Worte als Heilmittel. Wenn dem nicht so wäre, warum gibt es dann so viele Sprachen?
© Jörg Bernig — Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Autor Jörg Bernig
Foto: © edition buchhaus loschwitz
Lebensdaten
Jörg Bernig, geboren 1964 in Wurzen/Sa., studierte nach Bergmannslehre und Militär von 1985 bis 1990 an der Universität Leipzig (Deutsch und Englisch). Danach lebte er einige Zeit in Großbritannien, wo er an der University of Wales, Swansea unterichtete. 1996 wurde er an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über deutsche Kriegsliteratur promoviert. Es folgten Jahre der Tätigkeit in Forschungsprojekten der Technischen Universität Dresden. Im Jahr 2020 wählte ihn der Stadtrat von Radebeul in geheimer Wahl zum Kulturamtsleiter. Eine ideologische Kampagne nötigte den Oberbürgermeister zur Wiederholung der Wahl, für die sich Jörg Bernig, als demokratisch Gewählter, aber nicht zur Verfügung stellte. Seit Ende der 1990er Jahre publiziert Jörg Bernig Gedichte, Romane, kürzere Prosa und Essays. Er ist Mitglied der Bayerischen, Sächsischen und Sudetendeutschen Kunst-Akademien sowie des PEN-Zentrums Deutschland. Sein literarisches Schaffen wurde unter anderem mit dem Eichendorff-Literaturpreis und dem Andreas-Gryphius-Ehrenpreis ausgezeichnet. Jörg Bernig lebt in der Nähe von Dresden, in Radebeul. (joergbernig.de)
Das Buch

Jörg Bernig: Eschenhaus. Roman. 400 Seiten. Edition Buchhaus Loschwitz, Dresden (2023; Hardcover vergriffen. Taschenbuch, 2026). — Bestellbar bei Buchhaus Loschwitz ⋙ Link unter buchhaus_loschwitz@t-online.de
Das Buch ist ein Meisterstück. Bernig ist ein Wurf gelungen, ein Buch von Dauer.
Uwe Tellkamp
… eine ungemein präzise, plastische Sprache …
Dietmar Mehrens · JF
Man riecht den Atlantik in Bernigs Roman wie die untergegangene DDR, spürt einer sinnlichen Ost-West-Liebesgeschichte nach. Schäbige Zeiten produzieren große Literatur.
Roland Tichy