Großtaten und Meisterstücke
Berichte von Schauplätzen,
die unsere Zeit prägen
Julian Reichelt war Kriegsreporter im Irak, in Israel und Afghanistan, erlebte den Völkermord in Darfur und den Tsunami. Er schrieb über die Menschen.
Der Gegenwart. — 8. April 2026 — Nach einem Zufallsfund in der Bücherzelle.
Die Wahrheit ist sehr einfach. Um zu überleben, muss man kämpfen, um zu kämpfen, muss man sich schmutzig machen. Der Krieg ist ein Übel, aber manchmal das kleinere.
George Orwell
Schon vor der Erfindung der Schrift und auch noch lange danach dienten in erster Linie heimkehrende Soldaten als Berichterstatter.
Alexander der Große erkannte früh die Bedeutung von Kriegsberichten. Auf seinen Feldzügen waren Schreiber anwesend, die seine Kriegserfolge dokumentierten und weiterleiteten und somit seinen Ruf als siegreicher Feldherr früh festigten. Doch nicht nur über Sieg und Niederlage wurde berichtet, die Kriegsberichterstattung diente auch der Desinformation des Gegners und zur Manipulation der öffentlichen Meinung. So erhofften sich Herrscher Legitimation und politische Unterstützung in der Heimat für ihre militärischen Vorhaben. Ein Beispiel für den Fall, wo der General sogar sein eigener Kriegsberichterstatter war, ist Gaius Iulius Caesars De bello Gallico.
Nach der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um das Jahr 1450 konnten erstmals Kriegsberichte einem großen Publikum zugänglich gemacht werden. In dem ersten Druck, der den Begriff Zeitung erwähnte – 1502 Newe Zeytung von orient und auff gange – wurde die zwei Jahre zurückliegende Eroberung der Insel Lesbos durch Venezianer und Franzosen thematisiert. Der Krieg entwickelte sich in den neuen Druckmedien zu einem bevorzugten Sujet. Vor allem über die Kriege gegen das Osmanische Reich wurde berichtet. 73 Prozent der Zeitungen von 1515 bis 1662 behandelten Krieg und Politik als vorrangiges Thema.
Napoléon Bonaparte erkannte als einer der Ersten die Bedeutung der neuen Druckmedien in Kriegszeiten. Auf ihn geht der Satz zurück: „Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette“. Er führte Armeezeitungen ein, die über seine Feldzüge berichteten. Die freie Presse lenkte er durch Bestechung und Verbote in die gewünschte Richtung. Jedoch erfüllten die geschönten Meldungen Bonapartes auf Dauer nicht ihren Zweck. Politik und Medien wurden in der Bevölkerung zusehends unglaubwürdig.
Bilder von Kriegen waren, bevor die Technik der Fotografie erfunden wurde, nur in Form von handgefertigten Skizzen, Zeichnungen oder Gemälden zu sehen. Doch zumeist zeigten diese, auch durch offiziell beauftragte Kriegsmaler angefertigten Bilder nur ein geschöntes oder heldenhaftes Bild des Krieges, in denen vor allem die (siegreichen) Kriegsführer im Mittelpunkt standen.
In deutlichem Kontrast hierzu stand die Arbeit zum Thema Krieg des spanischen Künstlers Francisco de Goya. In 82 Radierungen zu seinem Zyklus „Los Desastros de la Guerra“ von 1810 bis 1820 bildete Goya den napoleonischen Feldzug in Spanien mit seinen Gräueltaten plastisch ab und vermittelte so die Grausamkeit des Krieges aus neuer Perspektive.
Der erste Pressekrieg
Mit der Einführung neuer Kommunikationstechniken nahm die Kriegsberichterstattung an Bedeutung zu. Wurde bisher meistens von militärischer Seite berichtet, so wurden durch die rasche Verbreitung der Tageszeitungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erste zivile Kriegsreporter tätig. Die Verlage erkannten die auflagensteigernde Wirkung von Kriegsberichten.
Der Krimkrieg Russlands gegen England, Frankreich und das Osmanische Reich von 1853 bis 1856 leitete den ersten sogenannten Pressekrieg der Geschichte ein. Zahlreiche britische und französische Reporter berichteten von den Kampfhandlungen. Die Krisenkommunikation wurde erstmals von Zeitungsverlagen selbst organisiert. Militär und Medien sahen sich hier mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. In der Anfangsphase des Krimkrieges gab es noch keine institutionalisierte Zensur und Presselenkung. Die Behandlung der Medien mussten die Militärs erst lernen, die Anwesenheit von Journalisten auf dem Schlachtfeld war neu und ungewohnt.
Der für die Londoner Times berichtende William Howard Russell gilt als der erste bekannte Kriegsberichterstatter. Was Russell auf der Krim sah und schrieb, gefiel den Heerführern nicht. Die Soldaten seien unterversorgt, es herrsche Typhus und Cholera. Russell berichtete zudem, die Offiziere verhielten sich wie auf einer Picknicktour. Von Seiten des Militärs gab es scharfe Proteste. Später wurde Russell sogar wegen seiner offenen und neutralen Berichterstattung der Spionage bezichtigt. Die freie Berichterstattung wurde den kriegführenden Parteien zusehends hinderlich, sodass sie zum Ende des Krieges die Reportagen zensierten.
Ein weiterer renommierter Kriegsberichterstatter war Ferdinando Petruccelli della Gattina, bekannt durch seine Reportagen aus den Italienischen Unabhängigkeitskriegen und dem Deutsch-Französischen Krieg. Jules Claretie von Le Figaro lobte seine Berichterstattung über die Schlacht bei Custozza.
Obwohl bereits zur Zeit des Krimkrieges Datenübermittlung durch die Telegrafie möglich war, wurde sie wegen der fehlenden Infrastruktur selten genutzt. Die Kriegsberichte übermittelte man überwiegend über den normalen Postweg. Zu diesem Zeitpunkt hielt auch das Medium der Fotografie Einzug in die Berichterstattung. Der Engländer Roger Fenton begleitete die britische Truppe auf der Krimhalbinsel mit seinem Laborwagen. Seine Bilder zeigten allerdings kein authentisches Bild vom Krieg. Sie enthielten keinerlei Schlachtszenen oder Tote, sondern nur Bilder von Soldaten. Fentons Arbeit war ein von der britischen Regierung finanziertes Projekt „[…] mit dem neuen, ‚objektiven‘ Medium ein von seinen Schrecken bereinigtes Bild des Krieges zu produzieren“ und belegte unfreiwillig Russells Beobachtungen eines „Picknick-Krieges“.
Trotz der Restriktionen der britischen Regierung gelang es einigen von privater Seite angestellten Journalisten, Schlachtenaufnahmen im Nachhinein zu machen, die das wahre Ausmaß des Krieges erahnen ließen. Doch auch auf diesen Bildern sind Kriegsopfer nicht zu sehen. Erst im Amerikanischen Bürgerkrieg wurden von dem Fotografen Mathew Brady auch tote Soldaten abgebildet.
Im sogenannten Pariser Kommunardenaufstand von 1871 wurden Bilder von Toten erstmals als propagandistische Waffe eingesetzt, um die Aufständischen zu verunglimpfen bzw. abzuschrecken. Doch solche Bilder bildeten die Ausnahme in der damaligen zeitgenössischen Kriegsfotografie. Die Mehrzahl der Aufnahmen zeigten Gruppen von Soldaten in einer eher gemütlichen Runde und vermittelten nicht das wahre Ausmaß von Tod, Leid und Zerstörung.
Die Zeit zwischen den Anfängen der Kriegsberichterstattung im Krimkrieg bis zum Ersten Weltkrieg wird von dem Kriegsberichterstatter Phillip Knightley als „Goldenes Zeitalter“ der Krisenkommunikation bezeichnet. Zum einen expandierte das Pressewesen in vielen Ländern aufgrund einer Steigerung der Nachfrage nach Zeitungen. Daneben gab es unzählige Kriege und Konflikte, wie bspw. die vielen Kolonialkriege (Burenkrieg 1899–1902, Boxeraufstand 1900), die von zahlreichen Reportern begleitet wurden. Somit festigte sich diese neue Form des Journalismus in der Gesellschaft. Doch in dieser Hochphase der Kriegsberichterstattung wurde der Krieg von den Reportern weniger als grausamer Krieg mit Leid und Tod, sondern vielmehr als Abenteuerspiel für Männer dargestellt:
Den Lesern in London oder New York müssen ferne Schlachten an fremden Orten unwirklich erschienen sein, und das Goldene Zeitalter der Kriegsberichterstattung – wobei Geschütze blitzen, Kanonen donnern, der Kampf wütet, der General tapfer ist, die Soldaten edel kämpfen und ihre Bajonetts kurzen Prozess mit dem Feind machen – trug nur zur Illusion bei, dass dies alles eine aufregende Abenteuergeschichte sei.
Phillip Knightley in The First Casualty (2004)
Propaganda im Ersten Weltkrieg
Im Ersten Weltkrieg war die Kriegsberichterstattung erstmals auch mit Filmaufnahmen möglich. Neben Wochenschauen, wie etwa in Österreich-Ungarn das Kriegs-Journal der Wiener Kunstfilm oder der Sascha-Kriegswochenbericht der Sascha Filmindustrie für die Kinos, die Bilder vom Frontgeschehen zeigten, wurde das junge Medium Film auch exzessiv für die Propaganda im Ersten Weltkrieg missbraucht. Zu den ersten Kriegsberichterstattern des Films zählte Eduard Hoesch, der vom österreichisch-ungarischen Kaiser Karl sogar zum „persönlichen Operateur“ ernannt wurde, und ihn daraufhin bei dessen Besuchen an den Kriegsschauplätzen stets begleitete. Der überwiegend aus Originalaufnahmen bestehende britische Film Die Schlacht an der Somme von 1916 gilt als der erste wirkliche Dokumentarfilm in der Geschichte des Kinos und hielt bis zur Veröffentlichung von Krieg der Sterne gut 60 Jahre lang den Publikumsrekord an den britischen Kinokassen.
1936 bis 1945
Im Spanischen Bürgerkrieg dokumentierte der aus Ungarn stammende US-Amerikaner Robert Capa den Kampf der republikanischen Truppen gegen die aufständischen franquistischen Truppen. Am 5. September 1936 entstand dabei die Fotografie eines fallenden republikanischen Soldaten im Augenblick seines Todes, die zum bekanntesten Einzelbild des Bürgerkrieges und zu einer fotografischen Ikone des 20. Jahrhunderts avancierte. Auch im Zweiten Weltkrieg war Robert Capa aktiv und begleitete amerikanische Truppen bei ihren Kämpfen in Europa. Die wenigen originalen Aufnahmen, die von der alliierten Landung auf Omaha Beach existieren, stammen von Capa.
Im Nationalsozialismus wurden die Kriegsberichterstatter „Kriegsberichter“ genannt (Propagandakompanien der Wehrmacht). Der sowjetische Fotograf Jewgeni Chaldei begleitete im April/Mai 1945 die Eroberung Berlins durch die Rote Armee. Sein Foto Auf dem Berliner Reichstag, 2. Mai 1945 brachte ihm weltweite Berühmtheit ein.
Nach 1945
Während des Indochinakriegs setzte die französische Seite ab 1950 eng mit dem Militär zusammenarbeitende Journalisten und Fotografen, welche mit der Truppe reisten als Teil einer konzertierten Medienstrategie im Krieg ein.
Wohl unterlagen die amerikanischen Reporter im Vietnamkrieg keiner Zensur, aber die expliziten Gewaltdarstellungen verlagerte man in die späte Nachtsendezeit. Die Berichterstattung führte dennoch letztlich zu erheblichem Druck der Öffentlichkeit auf die amerikanische Regierung; noch heute gibt es die Auffassung, der Krieg sei an der „Heimatfront“ verloren worden. Diese Erfahrung führte dazu, dass die US-Regierung bereits in den 1980er Jahren strikte Regeln für die Berichterstattung im Kriegsfall aufstellte. Bei der US-Invasion in Grenada war die Anwesenheit von Journalisten generell verboten.
Es wurde das sogenannte Pool-System entwickelt, das erstmals im Golfkrieg angewandt wurde, und zwar auf alle westlichen Journalisten. Zu Beginn des Irakkriegs 2003 erweiterten die USA dieses Pool-System und erlaubte einer begrenzten Zahl von Journalisten, die alliierten Streitkräfte als sogenannte Embedded Journalists direkt im Einsatz zu begleiten, quasi als nicht bewaffneter Teil der Truppe.
Heutzutage greifen viele Medien auf Informationen zurück, die von den Kriegsparteien selbst veröffentlicht wurden, etwa wenn es um Videos von Angriffen oder Anschlägen geht. Eine objektive Überprüfung dieser Angaben ist oft sehr schwer. Aufgrund von Einsparmaßnahmen, aber auch weil manche Konfliktparteien Journalisten gezielt töten oder einschüchtern wollen, sind Medienfirmen oft nicht bereit, ihre Reporter in Krisengebiete zu entsenden.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsberichterstattung

Julian Reichelt auf dem Cover seines
Buches — Foto: Fackelträger Verlag
Lebensdaten
»Julian Reichelt wurde 1980 in Hamburg geboren. Als einer der jüngsten Reporter berichtet er seit Jahren immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. So schrieb er für „Bild“ unter anderem über die Konflikte in Afghanistan, im Irak und im Kaukasus sowie über den Libanonkrieg 2006 und den Tsunami. Für eine Reportage über US-Fallschirmjäger in Afghanistan wurde er 2008 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet.« (Verlagstext von 2009)
Das Buch

Julian Reichelt: Kriegsreporter. Ich will von den Menschen erzählen. 224 Seiten. Fackelträger Verlag, Köln (2009)
»„Wo immer ich auch hingehe – flüchtende Menschen kommen mir entgegen …“ Als Kriegsreporter für „Bild“ berichtet Julian Reichelt von den Schauplätzen, die unsere Zeit prägen: Die Kriege im Mittleren Osten, Irak, Israel, Afghanistan. Der Völkermord in Darfur. Die Jahrhundertkatastrophe des Tsunamis in Asien. In seinem Buch erzählt er von den Menschen, die diese Ereignisse durchleben. Vertriebene, die versuchen ihre Würde zu bewahren. Junge Soldaten, die auf den Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts die Leichtigkeit ihrer Jugend zurücklassen. Menschen, deren Existenz in einem Augenblick vernichtet worden ist. „Überlebende sind sie fast alle, über die ich berichtet habe. Überlebende von Kriegen, Vertreibung und Katastrophen. Ich fühle mich wohl bei ihnen. Sie verkörpern für mich die Hoffnung, dass Menschen immer weiterleben können, egal was ihnen angetan wird.“ „Kriegsreporter“ ist ein Buch über Menschen im Kampfgebiet. Über Verlust und Schmerz. Über Freundschaft und den Versuch, in Würde weiterzuleben.« (Verlagstext)
Julian Reichelt gelingt es, die Erlebnisse von Menschen im Krieg in einer sehr emotionalen Sprache und Dramaturgie darzustellen. […] Schade ist, dass anders als bei den großen Kriegsreportage-Meistern wie zum Beispiel Peter Scholl-Latour die geostrategischen, geschichtlichen und kulturellen Hintergründe weitgehend außen vor bleiben.
Optimist1966 auf Amazon, 1. Juli 2020
Persönliche Wendepunkte
„Ich glaube nichts mehr, was Politik mir erzählt“ – Julian Reichelt | Inside NIUS mit Helena (Achtung, Reichelt! und NIUS; 30.12.2025; 47:39 min.)
»In dieser Folge von Inside NIUS mit Helena spricht Helena Gebhard mit Julian Reichelt über seinen Weg in den Journalismus, persönliche Wendepunkte und die Lehren aus politischen und medialen Fehlentwicklungen. Julian Reichelt erzählt von seinen Anfängen als Jugendlicher, seiner Zeit als Kriegsreporter, dem Aufstieg bei Bild und dem Aufbau von NIUS. Er spricht über Selbstkritik, über Täuschung, mediale Gleichschaltung und darüber, warum Meinungsfreiheit das Fundament jeder Demokratie ist.«