Vokabularium
Kugelhaufenreaktor
Der HTR wurde in Deutschland gebaut und wieder verschrottet. Unbemerkt von der Öffentlichkeit ging die Entwicklung in China und den USA weiter.
Der Gegenwart. — 14. Oktober 2024
Als Hochtemperaturreaktor (HTR) werden Kernreaktoren bezeichnet, die wesentlich höhere Arbeitstemperaturen ermöglichen als andere bekannte Reaktortypen. Erreicht wird dies durch die Verwendung eines gasförmigen Kühlmittels und keramischer statt metallischer Werkstoffe im Reaktorkern (Graphit als Moderator).
Die Bezeichnung Hochtemperaturreaktor wird im Deutschen oft gleichbedeutend mit Kugelhaufenreaktor (englisch: pebble-bed reactor) benutzt. Dieser ist jedoch nur eine von verschiedenen möglichen Bauformen des HTR.
Verschiedene kleine Hochtemperaturreaktoren wurden zwar seit den 1960er Jahren als Versuchsreaktoren jahrelang betrieben, aber dieser Dauerbetrieb wird im Rückblick unter anderem wegen ungewöhnlich großer Entsorgungsprobleme kritisch gesehen. Zwei größere Prototypen mussten 1989 schon nach kurzer Betriebszeit aufgegeben werden. Zwischen 1995 und 2010 fanden Kugelhaufenreaktoren international nochmals Beachtung. Es schien lange so als habe sich das Konzept wegen verschiedener Schwierigkeiten, wie dem Zusammenbruch eines südafrikanischen HTR-Bauprojektes, sowie mangelnder Wirtschaftlichkeit nicht etabliert. Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ging die Entwicklung in China und den USA weiter.
In China wurde seit 1995 zunächst als Prototyp HTR-10 gebaut. Nach Baubeginn 2009 wurden in Shidao Bay zwei Reaktoren vom Typ HTR-PM mit jeweils 250 MW (thermisch) errichtet. Beide Reaktoren des Kernkraftwerk Shidaowan haben im September bzw. Oktober 2021 die erste Kritikalität erreicht. Einer der beiden Reaktoren wurde am 20. Dezember 2021 an das örtliche Stromnetz angeschlossen und ging damit in den produktiven Betrieb. 18 weitere Reaktoren dieser Bauart sollen am Standort folgen.
Dow Chemical Company beabsichtigt für das Werk in Seadrift (Port Lavaca, Texas) den Bau von vier Hochtemperaturreaktoren des Typs Xe-100, der im Rahmen des amerikanischen ARDP Programms vom US Department of Energy entwickelt wurde.
Deutschland
Derzeit (2013) wird am Kugelhaufen-HTR-Konzept in Deutschland nur noch in kleinem Umfang geforscht, und zwar an der TU Dresden, der GRS, der Universität Stuttgart sowie an RWTH Aachen / Forschungszentrum Jülich (FZJ): So wird am FZJ unter anderem der Großversuchsstand NACOK zur Untersuchung von Kugelhaufenreaktor-Problemen betrieben. Neben der Grundfinanzierung der beteiligten Institutionen stehen dafür unter anderem ca. 1 Mio. €/Jahr vom Bundeswirtschaftsministerium sowie EU-Drittmittel zur Verfügung. Der Kerntechnikprofessor Günter Lohnert von der Universität Stuttgart, ein führender Vertreter der deutschen Kugelhaufen-HTR-Forscher, geriet 2008 unter Druck, nachdem er sich massiv auch für die umstrittene Kalte Fusion eingesetzt hatte (siehe insbesondere Kalte Fusion #Sonofusion). Nach längerer öffentlicher Diskussion beschloss der Aufsichtsrat des FZJ im Mai 2014, die HTR-Forschung in Jülich Ende 2014 einzustellen und die Versuchsstände stillzulegen.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochtemperaturreaktor
Situation in Deutschland nach 1990
Die Probleme und die Stilllegung des THTR-300 führten zum weitgehenden Ende der Kugelhaufenreaktorentwicklung in Deutschland. Verhandlungen zur Markteinführung des bei Siemens entwickelten HTR-Modul (200 MWth) mit dem Chemiekonzern Hoechst, dem Chemiekombinat Leuna/DDR, dem US-Verteidigungsministerium (für eine Anlage zur Erzeugung von Tritium für Wasserstoffbomben) und der Sowjetunion scheiterten vor dem Hintergrund des THTR-300; ein standortunabhängiges Genehmigungsverfahren für den HTR-Modul in Niedersachsen wurde vom Antragsteller, dem Energiekonzern Brigitta & Elwerath, 1988 ergebnislos abgebrochen.
Die Firma Hochtemperatur-Reaktorbau (HRB) wurde daraufhin aufgelöst, ebenso die bei Siemens/Interatom vorhandenen Firmenteile zur HTR-Entwicklung, es verblieb lediglich eine kleine Firma zur Vermarktung des aufgebauten HTR-Know-hows. Die Brennelemententwicklung bei Nukem wurde eingestellt. Die Kernforschungsanlage Jülich wurde in Forschungszentrum Jülich umbenannt und die HTR-Forschungsbereiche wurden 1989 auf 50 Personen reduziert, mit bis 2005 kontinuierlich sinkender Tendenz; die von 2005 bis 2010 amtierende HTR-freundliche NRW-Landesregierung verstärkte die HTR-Forschung jedoch wieder. Nach längerer öffentlicher Diskussion beschloss der Aufsichtsrat des Forschungszentrums Jülich erst im Mai 2014, die HTR-Forschung in Jülich Ende 2014 einzustellen und die Versuchsstände stillzulegen.
Es gelang den Kugelhaufenbefürwortern ab 1988 trotz damals geltender Embargos gegen Südafrika und China, das Know-how in diese Länder zu transferieren. In Südafrika war ursprünglich ein kleiner Kugelhaufenreaktor (500 kW) für militärische Zwecke (Atom-U-Boot) geplant, was im Zusammenhang mit den Atomwaffen der Apartheidregierung zu sehen ist. Nach dem Ende der Apartheid wurde daraus ein vollständig ziviles Projekt, das aber 2010 endgültig scheiterte.
In China wurde ein kleiner Kugelhaufenreaktor (HTR-10) nahe Peking gebaut. Seit 2005 ist der HTR-10 nur noch selten in Betrieb, was von Kugelhaufenbefürwortern auf die Priorisierung des größeren Nachfolgereaktors HTR-PM zurückgeführt wird, von Kritikern aber mit technischen Problemen beim Kugelumwälzen in Verbindung gebracht wird.
Aufgrund der sehr reservierten Haltung der deutschen Energieversorger und der reaktorbauenden Industrie gegenüber Kugelhaufenreaktoren, die wesentlich durch den Misserfolg des THTR-300 verursacht ist, hat es nach dem THTR-300 keinerlei Renaissance dieser Technologie in Deutschland gegeben. Dennoch gibt es in Deutschland für Kugelhaufenreaktoren noch eine Lobby, zu der u. a. Eigner des Werhahn-Konzerns, die LaRouche-Bewegung, einzelne konservative Politiker speziell aus Nordrhein-Westfalen, nationalkonservative Kreise sowie der frühere Umweltpolitiker Fritz Vahrenholt und der Ökonom Hans-Werner Sinn zählen.
Versuche dieser Lobby, nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima die Kugelhaufentechnologie unter dem Motto „Umsteigen statt Aussteigen“ (gemeint ist der Umstieg auf angeblich sichere Kugelhaufenreaktoren) neu zu beleben, verpufften ohne nennenswerte Resonanz. Innerhalb der Kugelhaufenlobby ist die Bewertung des THTR-300 strittig: Während eine Gruppe große technische Schwierigkeiten beim THTR-300 und ihren Einfluss auf die Stilllegung einräumt sowie ein prinzipiell anderes Konzept verlangt, sehen andere im THTR-300 insgesamt einen Erfolg und sprechen von „rein politisch bedingter Stilllegung“. Dagegen spricht jedoch, dass seit Jahren weltweit kein neuer Kugelhaufenreaktor im Dauerbetrieb gehalten werden konnte. [Wikipedia verbreitet hier Fake News (Stand: 14.10.2024), die Jacob Beautemps (Breaking Lab) mit seiner Reportage richtigstellt (siehe Video in der Info-Spalte). — Der Gegenwart]
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_THTR-300

Prof. Dr. rer. nat. Rudolf Schulten,
der Entwickler des Kugelhaufenreaktors (1968)
Foto: Heinrich Bonnenberg/Wikimedia
Rudolf Schulten
Rudolf Schulten (* 16. August 1923 in Oeding; † 27. April 1996 in Aachen) war ein deutscher Physiker und Visionär einer Energiewirtschaft, die Kernenergie in großem Umfang nutzen sollte. Schulten war der Überzeugung, dass langfristig der Bedarf an elektrischer Energie, an Heizwärme/Prozesswärme und an Kraftstoff im Wesentlichen durch Kernenergie und Sonnenenergie gedeckt wird, beide zur Nutzung umgewandelt in elektrischen Strom oder chemische Energie, vor allem in Wasserstoff (Wasserstoffwirtschaft). Auch für Kernbrennstoff galt für ihn das Postulat des sparsamen Umgangs mit Energieträgern. Schulten entwickelte das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor. Er glaubte, so könne man Kernenergie effizient und sicher im Elektrizitätsmarkt, im Heizwärme/Prozesswärmemarkt und im Kraftstoffmarkt sicher nutzen, immer darauf verweisend, dass der Elektrizitätsmarkt nur etwa 20 % und der Wärme- und Kraftstoffmarkt etwa 80 % des Energiemarktes ausmachen. Schulten schlug vor, den Transport von Elektrizität (mit ihren Problemen bei der Speicherung) durch den Transport von Energie mittels Wasserstoff, auch Synthesegas (beide erzeugt unter Verwendung von Kernenergie) zu ersetzen. Der Spiegel schrieb in seinem Nachruf auf Rudolf Schulten am 6. Mai 1996: „Aus Atomkraftwerken wollte er eine ‚normale Technik‘ machen.“ (Wikipedia)
Atomkraft ohne Brennstäbe
Atomkraft ohne Brennstäbe: So funktioniert der Kugelhaufenreaktor! (Breaking Lab; 1.10.2024; 14:30 min.)
»Seit Dezember 2023 produziert in China der erste kommerzielle Kugelhaufenreaktor Strom. Das ist kein kleiner Testreaktor mehr, sondern ein richtiges Atomkraftwerk. Im Gegensatz zu klassischen Atomkraftwerken, sind die Temperaturen in diesem Kugelhaufenreaktoreaktor aber doppelt so hoch, bei bis zu 750 °C. Trotzdem soll er sicherer sein. An diesem Reaktor wurden jetzt Tests durchgeführt, bei dem alle Kühlsysteme ausgestellt wurden. Der Reaktortyp soll sich im Notfall von alleine herunterkühlen können und damit sicher sein. Wir schauen uns heute an, ob diese Reaktoren wirklich sicherer sind, wie neu die Idee wirklich ist – in Deutschland gab es solche Reaktoren nämlich auch schonmal – und ob sie sich in Zukunft durchsetzen werden.«
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