Vokabularium
Matilda-Effekt
Mit dem Namen einer Frauenrechtlerin wird die Verdrängung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft benannt und bewußt gemacht.
Der Gegenwart. — 8. Oktober 2024
Der Matilda-Effekt beschreibt die systematische Verdrängung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft, deren Arbeit häufig ihren männlichen Kollegen zugerechnet wird. Der Effekt wurde 1993 von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter postuliert. Benannt ist er nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage, die am Ende des 19. Jahrhunderts dieses Phänomen als Erste allgemein beschrieben hat.
Der Matilda-Effekt ist das Pendant zum 1968 von Robert K. Merton beschriebenen Matthäus-Effekt, der die selbstverstärkte Anhäufung von Ansehen beschreibt und in Anspielung auf den ersten Abschnitt Matthäus 25,29 benannt wurde: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe [...]“ (Matthäus 25,29; aus dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten). Mit diesem Begriff erfasste Robert K. Merton die Beobachtung, dass bekannte Wissenschaftler „eine Art ‚Ausstrahlungseffekt‘ [erfahren], wenn ihnen Arbeiten zugeschrieben werden, für die sie nicht (oder zumindest nicht ausschließlich) verantwortlich sind.“ Der Matilda-Effekt illustriert hingegen die zweite Hälfte des Zitats aus dem Matthäus-Evangelium: „… wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden“ (Matthäus 25,29).
Nach Margaret W. Rossiter geschieht die systematische Unterschlagung und damit zusammenhängend auch die fehlende Anerkennung von wissenschaftlichen Leistungen von Frauen in der Wissenschaftsgeschichte zum Beispiel durch die fehlende Erwähnung der Namen der Wissenschaftlerinnen bei gemeinsamen Buch- oder Aufsatzpublikationen mit anderen männlichen Kollegen, die Aneignung ihres geistigen Eigentums durch männliche Kollegen, ohne die Wissenschaftlerin als Quelle zu nennen, oder etwa durch „das Unterbieten, Ignorieren und Bagatellisieren der Präsenz von Frauen“ in der Wissenschaft.
Bekannte Fälle im Altertum
■ Der wohl älteste bekannte Fall des Matilda-Effekts betrifft die Philosophin und Mathematikerin Theano, die im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt hat und die Frau von Pythagoras war. Obwohl sie zu einem Teil seiner Erkenntnisse beigetragen hat, wurde schlussendlich alles als seine Arbeit deklariert. Es wird nicht mehr geklärt werden können, wie hoch auch der Anteil der beiden Töchter Myia und Damo tatsächlich war, denen zumindest einige Schriften zugeordnet werden konnten. Bei der Tradition über Pythagoras und seiner Schule ist aber vieles aufgrund der lückenhaften Quellenlage unsicher und spekulativ.
■ Trotula, eine italienische Ärztin aus dem 11. Jahrhundert, schrieb Abhandlungen, die so bedeutend waren, dass sie im Verständnis der Zeitgenossen unmöglich von einer Frau stammen konnten: Schon ein Jahrhundert später erschienen Kopien ihrer Texte unter dem Namen ihres Mannes. Noch im 20. Jahrhundert vertrat der Wissenschaftshistoriker Karl Sudhoff die These, dass Trotula eine Hebamme und keine Ärztin gewesen sei.
■ Die Mathematikerin Pandrosion aus Alexandria, die sich mit klassischen Problemen der antiken Mathematik wie der Würfelverdopplung beschäftigte, wurde lange Zeit als Mann in der Wissenschaftsgeschichte geführt: Als Friedrich Hultsch im 19. Jahrhundert die Mathematischen Sammlungen des Pappos von Alexandria übersetzte, änderte er die Stellen, in denen Pandrosion als Autorin mit der weiblichen Anrede erwähnt wurde, mit einem männlichen Pronomen. Erst 1988 wurde dieser Fehler durch den englischen Übersetzer Alexander Raymond Jones korrigiert, der sich mit den griechischen Originalen befasst hatte.
Beispiele aus der Neuzeit
■ In Resonanz auf Marie Curies Besuch in den USA 1921 schrieb ein Journalist der New York Times, dass es auch in Zukunft mehr Männer als Frauen in der Wissenschaft geben würde, da es letzteren an der Fähigkeit mangele, Fakten abstrakt statt nur relational zu sehen.
■ Auch die Formulierung des Matthäus-Effekts selbst kann als durch den Matilda-Effekt beeinflusst angesehen werden: In einem Essay über den Matthäus-Effekt bemerkt Robert K. Merton, dass er selbst sich so intensiv auf Arbeiten seiner Mitarbeiterin und späteren Frau, der US-Soziologin Harriet Zuckerman, gestützt habe, dass der von ihm 1968 veröffentlichte Artikel The Matthew Effect in Science unter ihrer beider Namen hätte veröffentlicht werden müssen und nicht nur unter seinem alleinigen Namen.
■ Albert Einstein veröffentlichte eine Arbeit, die er als sein alleiniges geistiges Werk ausgab, nachdem er vorher angeblich gesagt hatte: Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben, wobei die andere Hälfte des wir sich auf seine erste Frau Mileva Marić (1875–1948), die ebenfalls Physikerin und zudem Mathematikerin war, bezog. Wobei umstritten ist, ob dies ein Beweis für ihre Mitarbeit war.
■ In den 1950er und 1960er Jahren forschte die Biochemikerin Rosalind Franklin zur Molekularstruktur von Ribonukleinsäure. Mit ihrer Grundlagenforschung schuf sie die Voraussetzung zur Aufklärung der Doppelhelixstruktur der DNA. Den Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA-Struktur erhielten 1962 jedoch nur James Watson und Francis Crick, die Forschungsdaten von Rosalind Franklin übernahmen, ohne die Wissenschaftlerin zu nennen oder sie darüber zu informieren.
Mediale Darstellung echter und fiktiver Fälle
■ Der Neurobiologe und Mediziner Ben Barres (1954–2017) veröffentlichte posthum seine Autobiografie The Autobiography of a Transgender Scientist, in der er hervorhebt, wie schwer es vor seiner Transition war, neben den männlichen Kollegen zu bestehen. Bereits zu Lebzeiten hatte er begonnen, sich öffentlich über den Sexismus in der Wissenschaft zu beklagen, u. a. indem er in Fachzeitschriften Artikel zu dem Thema veröffentlichte.
■ In der US-amerikanischen Filmkomödie Wer ist Mr. Cutty? von 1996 wird ein fiktiver Fall präsentiert. Whoopi Goldberg ist in der Rolle einer Investmentbankerin zu sehen, die einen Chef erfindet, um ihre Ideen vermarkten zu können.
■ Der Film Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen von 2016 erzählt von den drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson, die maßgeblich am Mercury- und am Apollo-Programm der NASA beteiligt waren.
■ Der wahre Fall der Gehirnforscherin Marian Diamond, die zur Entdeckung der neuronalen Plastizität beigetragen hat, erschien 2017 als vielfach preisgekrönte Dokumentation unter dem Titel My Love Affair With the Brain.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Matilda-Effekt
Anmerkung des Herausgebers: Uns bricht kein Zacken aus der konservativen Krone, wenn berechtigte Ansprüche anerkannt und tatsächliche Defizite benannt werden. Deswegen gibt es diesen Artikel auf unserer Seite. Auch dieser Satz aus der Wikipedia-Quelle mag unkommentiert so stehenbleiben: „Der Matilda-Effekt soll mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit auftreten und so auf eine patriarchal geprägte Wissenschaftsgeschichte hindeuten.“

Matilda Joslyn Gage (1826–1898)
Gravierung (1887) von John Chester Buttre (1821–1893)
nach einem Foto von Napoleon Sarony (1821–1896)
Lebensdaten
Matilda Electa Gage, geborene Joslyn (24. März 1826 in Cicero, New York – 18. März 1898 in Chicago, Illinois) war eine US-amerikanische Suffragette und Menschenrechtsaktivistin. Joslyn Gage war Herausgeberin der Zeitschrift The National Citizen. Darüber hinaus begründete sie die Woman’s National Liberal Union in Abgrenzung zur National American Woman Suffrage Association. Joslyn Gage war unter anderem im Streit um das Wahlrecht für Frauen in den USA aktiv. Sie kritisierte auch die Aberkennung weiblicher Leistungen in Forschung und Technik. Die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter benannte 1993 das Verschweigen der wissenschaftlichen Leistungen von Frauen nach ihr als Matilda-Effekt. (Wikipedia)
Betroffene
Auswahl einiger nachweislich Betroffener:
Marie Colinet (starb nach 1638)
Wundärztin und Hebamme
Nicole-Reine Lepaute (1723–1762)
Astronomin und Mathematikerin
Ada Lovelace (1815–1852)
Erstellerin von Computerprogrammen
Eunice Foote (1819–1888)
Erfinderin und Forscherin
Nettie Stevens (1861–1912)
Genetikerin
Lise Meitner (1878–1968)
Kernphysikerin
Marietta Blau (1894–1970)
Physikerin
Gerty Cori (1896–1957)
Biochemikerin
Chien-Shiung Wu (1912–1997)
Physikerin
Kamal Ranadive (1917–2001)
Biomedizinerin
Katherine Johnson (1918–2020)
Mathematikerin
Hedy Lamarr (1919–2000)
Erfinderin und Schauspielerin
Rosalind Franklin (1920–1958)
Biochemikerin
Esther Lederberg (1922–2006)
Mikrobiologin
Stephanie Kwolek (1923–2014)
Chemikerin
Marthe Gautier (1925–2022)
Kinderärztin
Rosemary Fowler (* 1926)
Physikerin
Martha Chase (1927–2003)
Genetikerin
Daisy Roulland-Dussoix (1936–2014)
Schweizer Molekular- und Mikrobiologin
Jocelyn Bell Burnell (* 1943)
Radioastronomin
Suffragetten
Als Suffragetten (von englisch/französisch suffrage „Wahlrecht“) wurden Anfang des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger organisierte Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten bezeichnet (hier war die selbstgewählte Bezeichnung eher suffragist), die vor allem mit passivem Widerstand und mit Störungen offizieller Veranstaltungen bis hin zu Hungerstreiks für ein allgemeines Frauenwahlrecht eintraten. Die Suffragettenbewegung wurde überwiegend von Frauen aus dem Bürgertum getragen.
In der Verfassung der Vereinigten Staaten findet sich der Ausdruck suffrage in der Bedeutung „Recht zu wählen“: “No state shall be deprived of its equal suffrage in the Senate.”
Die englische Bezeichnung suffragette wurde 1906 zum ersten Mal in der britischen Tageszeitung Daily Mail benutzt. Die britische Presse verwendete sie ursprünglich, um die Wahlrechts-Aktivistinnen herabzuwürdigen und abzuwerten, sie wurde von diesen jedoch erfolgreich für sich als Selbstbezeichnung vereinnahmt. Im Nachlauf der Bewegung wurde die Bezeichnung „Suffragetten“ erneut abwertend für engagierte Frauenrechtlerinnen verwendet, ähnlich wie heute der Ausdruck „Emanze“ in seiner ursprünglich abwertenden Bedeutung.
Die Suffragetten entwickelten sich in Großbritannien aus Gegnerinnen der Contagious Diseases Acts, der Gesetze von 1864 bis 1869 über die Zwangsuntersuchungen von Prostituierten zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten. Ihr Engagement führte 1883 dazu, dass die Rechtserlasse außer Kraft gesetzt und 1886 endgültig aufgehoben wurden. Der Erfolg der Kampagne radikalisierte die Befürworterinnen eines Frauenwahlrechts, die sich organisierten und neue Methoden des politischen Protests entwickelten. Parallel dazu engagierte sich Kate Sheppard für das Frauenwahlrecht in Neuseeland, das dort 1893 als dem weltweit ersten Land eingeführt wurde. (Wikipedia)