Hinweise auf Menschen
Max Bense
Über den Philosophen schreibt Prof. Dr. Ulrich Fröschle zur »Essaykultur und Essaytheorie in der frühen Bundesrepublik«.
Der Gegenwart. — 18. März 2026
Von Prof. Dr. ULRICH FRÖSCHLE. | Die Etablierungs- und Erfolgsgeschichte des deutschen Intellektuellen Bense, die den rund 35jährigen akademischen Outsider nach dem Krieg auch in die universitären In-Groups führte, hing gewiss damit zusammen, dass er sich nicht durch politisches Engagement während des Nationalsozialismus belastet hatte. Ebenso wichtig war aber auch die erwähnte publizistische Präsenz und essayistische Produktionsweise Benses, die er stets virtuos handhabte. Beides wiederum konnte nur statthaben auf einer entsprechenden institutionell-organisatorischen Basis. Was für den Essay der Zeit um 1900 bereits geleistet wurde, ist für die 1930er und 1940er Jahre, vor allem aber für die – wie es scheint: sehr fruchtbare – erste Dekade Westdeutschlands vor dem Durchschlagen des neuen Mediums Fernsehen noch zu erbringen: eine Zusammenschau und Analyse der bereits erwähnten, reichhaltig vorhandenen „Diskursmedien der Essayistik“.15 Die Vielzahl von Kulturzeitschriften in den Nachkriegsjahren und die darin vertretene Essayistik lassen zum einen ein einschlägiges Bedürfnis dieser Zeit erkennen, zum anderen haben solche Diskursmedien die Blüte des Essays in der zweiten Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts in Deutschland allererst ermöglicht (die sbz und frühe ddr wäre daraufhin freilich ebenso zu untersuchen): Der klassische Essay wie auch weniger scharf eingrenzbare essayistische Formen sind auf bestimmte mediale Formate verwiesen, das Feuilleton der Zeitungen und Wochenzeitungen, die Zeitschrift, besonders aber die Kulturzeitschrift. Von den späten 1920er Jahren an hatte sich überdies mit dem neuen Medium Radio auch der ‚Rundfunk-Essay‘ als Sub-Genre etablieren können.
Diese ganze Vielfalt spiegelt sich in Benses publizistischem Profil wider: Geradezu beispielhaft war er in allen genannten Medien mit diversen ‚kleinen Formen‘ vertreten. So hatte er schon von Oktober 1933 bis Oktober 1936 als ständiger Mitarbeiter des Reichssenders Köln gewirkt, für den er neben wissenschaftlichen und philosophischen Sendungen auch Hörspiele gestalten konnte. Mit Feuilletons und Besprechungen belieferte er während der Weimarer Republik und des Dritten Reichs vor allem die Kölnische Zeitung, ein qualitativ hochstehendes, seinerzeit mit der Frankfurter Zeitung und ähnlichen großen Organen der Tagespresse vergleichbares Blatt, das in der ns-Zeit versuchte, einen eigenen – keineswegs strikt regimetreuen – Kurs zu halten.16 Hatte sich Bense in literarischer Hinsicht bereits Anfang der 1930er Jahre an Gottfried Benn gewandt und an diesem Autor ausgerichtet, orientierte er sich um 1940 zunehmend auch an anderen, abseits des offiziösen Kulturbetriebs agierenden Schriftstellern wie dem prominenten Ernst Jünger oder dem ebenfalls schon Ende der 1930er Jahre als Essayist hervorgetretenen Gerhard Nebel, anhand derer er dann u. a. in der von Goebbels verantworteten Wochenzeitung Das Reich exemplarische Überlegungen zum essayistischen Schreiben und dessen für ihn notwendig experimentellen Charakter anstellte. War dieses Blatt wohl als Renommierzeitung intendiert, versammelte es doch jene in Deutschland verbliebenen Edelfedern, deren Regimetreue nicht über alle Zweifel erhaben war.17 In einer ähnlichen alltäglichen Grauzone zwischen Anpassung und vorsichtiger Selbstbehauptung hatten sich durchaus unterschiedliche schöngeistige Zeitschriften wie Das innere Reich, Corona oder Die neue Rundschau aus verschiedenen Gründen und unterschiedlich lange halten können, die eine grundsätzlich konservativ-kulturkritische, damit entschleunigende Ausrichtung erkennen ließen und im klassischen Essay eine Besinnung im Wortsinne pflegten: Dies erschien in dem auf Mobilisierung abstellenden, technisch und medial äußerst modern agierenden ns-System per se als Sezession und zog eine entsprechende Klientel an. So liegt es auf der Hand, dass auch der zwar stets auf die Höhe der Zeit hin orientierte, dem aktuellen Mainstream aber kühl und mindestens indifferent gegenüberstehende Bense in der Europäischen Revue und ähnlichen Zeitschriften Essays und Rezensionen veröffentlichte.18
An all dies konnte er nach 1945 inhaltlich und stilistisch ebenso wie institutionell-organisatorisch anschließen: Schon 1948 war er im Nordwestdeutschen Rundfunk mit seinen Beiträgen vertreten, dann auch für andere Sender tätig.19 Unter dem Titel Gedankenspiele wurde Bense etwa auf ganz typische Art im Januar 1949 mit drei Radioessays im Südwestfunk Baden-Baden angekündigt, und zwar als „eine in der Literatur Deutschlands seltene Begabung“, nämlich als „Universitätsprofessor für Mathematik und Philosophie“, der es verstehe „zu plaudern“, „mit spielerischer Anmut über alle jene Dinge, die man bisher gewohnt war mit schrecklichem Ernst und mit umständlicher Gewohnheit behandelt zu sehen“.20 Im Rundfunk wird der Essay aus der Schrift in einen auratischen Sprechakt überführt: Ein solches „in die Wohnung“ übertragenes „Studiogespräch“ mag tatsächlich eine „intime Gesprächssituation“ suggeriert oder gar evoziert haben – dem Medienarbeiter Bense kam dieser Transfer jedenfalls entgegen.21
Auch in den nach der deutschen Kapitulation unter Lizenzierung der Besatzungsmächte gestarteten Zeitschriftenprojekten agierte er sogleich mit großer Energie und Präsenz. Die deutsche Essayistik war ja nach 1945 keineswegs aus dem Nichts entstanden, formierte sich in den 1950er Jahren indes auch recht schnell um. Insofern verwundert es nicht, dass sich in der Medienlandschaft nach 1945 an zentraler Stelle Namen wiederfinden, die bereits während der 1930er und frühen 1940er Jahre jene vom Mainstream abgelegene konservativ-moderatere Kulturszene organisierten und prägten, darunter etwa Joachim Moras von der Europäischen Revue und Hans Paeschke von Peter Suhrkamps Neuer Rundschau, die mit dem 1947 gegründeten Merkur eine der einflussreichsten westdeutschen Kulturzeitschriften leiteten.22 Zu dieser Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken, wie ihr programmatischer Untertitel lautete, trug Bense als einer der agilsten Mitarbeiter von Anfang an bei, schon von Jena aus – er kannte schließlich beide Herausgeber von ihren vorherigen Zeitschriften her.23 Bereits in der zweiten Ausgabe des Merkur war er mit einem in 19 knappe Thesen gegliederten Beitrag Über Rationalisten und Enzyklopädisten vertreten, neben bekannten und Bekanntheit erlangenden Essayisten dieser Zeit wie Ernst Robert Curtius, Rudolf Kassner, Albrecht Fabri, Ernst und Friedrich Georg Jünger, Gerhard Nebel und anderen. In dieser Zeitschrift publizierte Bense dann jenen Text Über den Essay und seine Prosa, dessen 1952 überarbeitete Fassung Adorno 1958 in seiner später kanonisierten Reflexion über den zeitgenössischen Essay aufgreifen sollte.24
Es ist klar, dass der Umbruch und die schwierigen Erfahrungen in Krieg, moral bombing, Nachkriegshunger und moralische Erschütterung durch die nunmehr breit bekanntgemachten Verbrechen der vergangenen Dekade ein starkes Bedürfnis moralischer Orientierung und Neuausrichtung hervorriefen, die sich vorzüglich in Traktatform bzw. im Essay reflektieren und debattieren ließen: Immer „wenn epochale Schwierigkeiten sich einstellen“, trete der „Geistige, der eine Tendenz hat“, und also der Essayist hervor, liest man dementsprechend in Benses Meta-Essay.25 Die im Sinn einer solchen Reorientierung im Merkur geführte Modernedebatte ist vor dem Erfahrungshintergrund dieser Jahre verständlich. In ihr agierten zum einen konservative Diskurskombattanten aus einer in Zeitgenossenschaft mit der nationalsozialistischen Moderne entwickelten Diskussion heraus wie Friedrich Georg Jünger, der im Disput mit seinem Bruder Ernst Jünger schon 1939 eine eigenwillige Ideologiekritik der Technisierung entwickelt hatte; sie trafen wiederum auf unterschiedlichste Modernisten wie Franz Borkenau und Max Bense, aber auch auf Vertreter der Frankfurter Schule. Die Debatten, die in vielen Essays und Besprechungen stattfanden, wurden im Merkur redaktionell bedächtig moderiert und austariert: Es handelte sich bei solchen Zeitschriften um „intellektuelle Räume“, in denen sich ein ideenhistorisches Kontinuum und zugleich ein Amalgamierungs- und damit Transformationsprozess manifestierte, wie Friedrich Kießling zeigen konnte.26 Dennoch meinte schon 1969 Bachmann in seiner Studie über den Essay im Rückblick den Eindruck formulieren zu können, der „Essayist klassischer Prägung, der ‚Kulturschriftsteller‘“, sterbe aus: Er wähnte gar Max Rychner, Rudolf Kassner und Heinrich Mann als seine letzten Vertreter; dafür habe sich der „Essayismus“ ausgebreitet, und mit diesem sei in den zeitgenössischen deutschen Essay „Pathos, Engagement, sogar Intoleranz“ eingezogen, der die traditionellen Eigenschaften des Genres wie „Serenitas, Gesellschaftlichkeit, Spieltrieb“ verdränge.27 Damit reagierte er auf eine freilich wahrnehmbare Entwicklung, an der Bense – durchaus maßgeblich – beteiligt war.
Hatte bis in die frühen 1960er Jahre in den Kulturzeitschriften und in Institutionen wie der Bayerischen Akademie der schönen Künste eben jener Kulturschriftsteller und Essayist klassischer – und konservativer – Prägung dominiert, formierten sich in und aus dieser medial-institutionellen Umgebung auch die Versuche einer kulturellen Selbstermächtigung jener jüngeren Generationen, deren Desillusionierung aus einem u. a. in der Hitlerjugend gezüchteten Idealismus heraus sich nicht selten besonders schroff äußerte. Der Gestus, nun die alten Bestände abzuräumen und nach eigenen neuen Wegen zu suchen, antizipiert hier als Anspruch jene Diskursmacht die man bald erringen sollte.28 Schon im Zuge der Moderne-Debatten im Merkur schieden sich die Positionen bei gemeinsamem Grundanliegen recht deutlich; so war es nur folgerichtig, dass auch der selbstbewusste und kritische Intellektuelle Bense – nach einer noch vermittelnden Position am Anfang seiner Laufbahn in Westdeutschland – mit zunehmender Etablierung ein eigenes Publikationsorgan anstrebte: Damit konnte er seine programmatischen Vorstellungen in Reinform präsentieren und ähnlich ausgerichtete Verbündete versammeln. Als er 1955 seine Vierteljahresschrift Augenblick gründete, propagierte er im Geleitwort zum ersten Heft im März dieses Jahres sogleich entschieden die Notwendigkeit von Versuch und Experiment mit existentialistischem Pathos immer dort – und damit gerade jetzt –, „wo es um ein neues Sein geht“: In dessen Zeichen sei „Polemik, Widerstand, Opposition“ geboten, und zwar gegen „das neue deutsche Nivellement“, das sich „auf Traditionen, statt auf Experimente“ beziehe, in einer „metaphysischen Gemütlichkeit“ verharre, „die den Autoritäten zugesteht, was sie der eigenen Existenz nicht zu überlassen wagt“. Diese Polemik könne u.a. „durch andere Tendenz, durch bewußte Destruktion, durch Intoleranz zum Ausdruck gebracht werden“.29 Neben polemischen und philosophisch-ästhetischen Essays sowie Besprechungen war von Beginn an die neueste deutsche Literatur von Arno Schmidt über Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger bis zu Ernst Gomringer ebenso vertreten wie exemplarische Vertreter der zeitgenössischen Bildenden Künste, und es fand eine intensive Auseinandersetzung mit aktuellen intellektuellen Entwicklungen im romanischen Sprachraum, insbesondere in Frankreich statt. In dieser „mit Abstand aggressivsten Zeitschrift in Westdeutschland“, wie sie Habermas nannte,30 polemisierte Max Bense nun sogleich gegen den Merkur, namentlich auch gegen Ernst Jünger als Ikone des Nachkriegskonservatismus, und zwar nicht mehr nur stilkritisch wie noch in seinem Traktat Ptolemäer und Mauretanier von 1950.31
ANMERKUNGEN
15 Kai Kauffmann/Erdmut Jost: Diskursmedien der Essayistik um 1900: Rundschauzeitschriften, Redeforen, Autorenbücher. Mit einer Fallstudie zur Essayistik in den Grenzboten. In: Essayismus um 1900. Hg. von Wolfgang Braungart/Kai Kauffmann. Heidelberg: Winter 2006. S. 15–36. Christoph Ernst konstatiert, die Geschichte des Essayismus bis 1945 sei aufgearbeitet und meint dann lapidar: „Die Zeit nach 1945 dagegen liegt brach“ (Ernst: Essayistische Medienreflexion [wie Anm. 5]. S. 16).
16 Vgl. zum Hintergrund Klaus-Dieter Oelze: Das Feuilleton der Kölnischen Zeitung im Dritten Reich. Frankfurt a.M.: Lang 1990. Von Bense sind dort für die Zeit von 1933 bis 1945 insgesamt 320 Beiträge vermerkt und ebd. S. 387–390 aufgelistet. Zu Benses Praxis ebd. S. 190–195 und öfter.
17 Vgl. Ulrich Fröschle: Platonische Freund-/Feindbestimmungen – Max Bense, Ernst Jünger und Gottfried Benn. Zur Vorgeschichte einer westdeutschen Wertungskonstellation. In: Ernst Jünger und die Bundesrepublik. Ästhetik – Politik – Zeitgeschichte. Hg. von Ingo Stöckmann/Matthias Schöning. Berlin-New York: de Gruyter 2011. S. 233–251. Zum Reich siehe noch immer vor allem Erika Martens: Zum Beispiel „Das Reich“. Zur Phänomenologie der Presse im totalitären Regime. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1972.
18 Zur Europäischen Revue vgl. Guido Müller: Von Hugo von Hofmannsthals „Traum des Reiches“ zum Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft – Die „Europäische Revue“ 1925–1936/44. In: Konservative Zeitschriften zwischen Kaiserreich und Diktatur. Fünf Fallstudien. Hg. von Hans-Christof Kraus. Berlin: Duncker & Humblot 2003. S. 155–186. Auch in der von Peter Suhrkamp edierten Neuen Rundschau und in Wilhelm Emanuel Süskinds Die Literatur finden sich Publikationen von Bense.
19 Vgl. Elisabeth Walther: Vorwort. In: Max Bense: Radiotexte. Essays, Vorträge, Hörspiele. Hg. von Caroline Walther/Elisabeth Walther. Heidelberg: Winter 2000. S. vii–xiii.
20 Zit. nach Harry Walter: Max Bense auf Sendung. In: Bense: Radiotexte (wie Anm. 19). S. 1–8. Hier: S. 3.
21 Ebd. S. 4.
22 Moras hatte seit 1933 die Europäische Revue, Paeschke von 1939 bis 1944 Die Neue Rundschau geleitet; zur Frühzeit des Merkur vgl. exemplarisch Hanna Klessinger: Bekenntnis zur Lyrik. Hans Egon Holthusen, Karl Krolow, Heinz Piontek und die Literaturpolitik der Zeitschrift „Merkur“ in den Jahren 1947 bis 1956. Göttingen: Wallstein 2011; auch Friedrich Kießling: Die undeutschen Deutschen. Eine ideengeschichtliche Archäologie der alten Bundesrepublik 1945–1972. Paderborn: Schöningh 2012. S. 315–382.
23 Auch die von 1946 bis 1949 in München unter der Redaktion von Herbert Burgmüller erscheinende ‚Literarische Revue‘ Die Fähre und die ebendort von 1946 bis 1950 u.a. von Berthold Spangenberg herausgegebenen Deutschen Beiträge belieferte Bense schon von Jena aus.
24 Siehe Merkur 1.2 (1947). 236–238, dort direkt gefolgt von Gerhard Nebel: Höhlen und Schächte. Umrisse einer Elementenlehre (S. 239–256).
25 Bense: Über den Essay [1947] (wie Anm. 4). S. 416.
26 Vgl. Kießling: Die undeutschen Deutschen (wie Anm. 22). Hier: S. 18–23, 323–346 und öfter. Zu der aufgrund eines normativ aufgeladenen ‚Moderne‘-Verständnisses oft noch immer problematisch scheinenden Modernität im nationalsozialistischen Einparteiensystem vgl. früh: Nationalsozialismus und Modernisierung. Hg. von Rainer Zitelmann/Michael Prinz. 2. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994; zur Modernedebatte im Merkur vgl. Kießling: Die undeutschen Deutschen (wie Anm. 22). S. 315–358; zu den Brüdern Jünger in diesem Zusammenhang Daniel Morat: Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920–1960. Göttingen: Wallstein 2007. Im Merkur 2.2 (1948). S. 306–310 etwa tritt Bense als Rezensent von Friedrich Georg Jüngers Buch Perfektion der Technik (1946) an, das er in aufschlussreicher Weise kennzeichnet und kritisiert (S. 310): „Es wird reflektiert, aber nicht untersucht. Es wird beurteilt […] aber nicht interpretiert“. Im 3. Jahrgang folgte in diesem Zusammenhang von Bense der Essay Über die spirituelle Reinheit der Technik.
27 Dieter Bachmann: Essay und Essayismus. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 1969. S. 10f.
28 Bense gehört hier zu einer ‚mittleren‘ Generation zwischen den Jahrgängen beider Weltkriege, also etwa zwischen den Brüdern Jünger und Andersch bis Grass. Die generationale Prägung der ‚Generation der Flakhelfer‘ durch das nationalsozialistische System der Jugenderziehung ist für das literarische Feld meines Wissens noch nicht dezidiert untersucht worden, wäre indes sehr aufschlussreich – denkt man nur an den Fall jenes Günter Grass, dessen erste Schreibversuche von der Schülerzeitschrift Hilf mit! angeregt wurden.
29 Max Bense: [Editorial]. In: Augenblick 1.1 (1955). Anfangs erschien die Zeitschrift mit dem Untertitel Aesthetica, Philosophica, Polemica; im zweiten Jahrgang nannte sie sich dann Zeitschrift für aktuelle Philosophie, Ästhetik und Polemik. In der Dezemberausgabe 1956 kündigte Bense an, das Blatt durch eine programmatisch der Kybernetik als Leitwissenschaft gewidmete neue Zeitschrift namens maschine 2 zu ersetzen, die aber nicht zustande kam. Nach einjähriger Pause wurde der Augenblick weitergeführt, der sich vom März 1958 an mit dem neuen Untertitel Zeitschrift für Tendenz und Experiment in zweimonatlicher Erscheinungsweise bis Dezember 1961 halten konnte und die intendierte Richtung nun forcierte. Vgl. den Überblick bei Janet B. King: Literarische Zeitschriften 1945–1970. Stuttgart: Metzler 1974. S. 36–38; Elisabeth Emter: Augenblick: eine Zeitschrift wider die metaphysische Behaglichkeit. In: Semiosis 22.1/4 (1997). S. 52–59. Siehe auch den von Anja Ohmer in der Reihe Aspekte der Avantgarde. Dokumente, Manifeste, Programme herausgegebenen Nachdruck der vier Jahrgänge des Augenblicks in vier Bänden (Berlin: Weidler 2005, 2006, 2010).
30 Zit. nach Kießling: Die undeutschen Deutschen (wie Anm. 22). S. 337 (Jürgen Habermas: Jeder Mensch ist unbezahlbar. In: Merkur 9 [1955]. S. 994–998).
31 Max Bense: Ptolemäer und Mauretanier oder die theologische Emigration der deutschen Literatur. Berlin, Köln: Kiepenheuer 1950; vgl. dazu Fröschle: Platonische Freund-/Feindbestimmungen (wie Anm. 17). S. 243–247. Nach einem vorläufig letzten Beitrag im September 1952 publizierte er nur im Juli 1960 noch einmal im Merkur.
© Ulrich Fröschle: »Max Bense zum Beispiel. Zur Essaykultur und Essaytheorie in der frühen Bundesrepublik«, daraus ein Ausschnitt aus dem Kapitel »3. Bense als publizistischer Akteur im kulturellen Feld«. Erschienen in: »Der Essay als Universalgattung des Zeitalters – Diskurse, Themen und Positionen zwischen Jahrhundertwende und Nachkriegszeit« (Amsterdamer Beiträge zur Neueren Germanistik, Band 88). Edited by Michael Ansel, Jürgen Egyptien, Hans-Edwin Friedrich. Herausgeber: BRILL/RODOPI – Koninklijke Brill NV, Leiden | Boston, 2016 — Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Es ist nicht nötig, dass
sich die Wahrheiten
vertragen, wohl aber
die Konsequenzen aus
diesen Wahrheiten.
Max Bense (1948)
Lebensdaten
Max Otto Bense (* 7. Februar 1910 in Straßburg; † 29. April 1990 in Stuttgart) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist. Er trat durch Arbeiten zur Wissenschaftstheorie, Logik, Ästhetik und Semiotik hervor.
Leben
Max Bense wurde als Sohn des Offizierstellvertreters und späteren Oberregierungsinspektors Otto Bense und dessen Frau Minna, geb. Roth, in Straßburg geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Straßburg, wo er bis November 1918 die Oberrealschule besuchte. Nach der Ausweisung der Familie aus Elsaß-Lothringen besuchte Bense die Volksschule in Nordgermersleben, Neuhaldensleben und Köln-Bayenthal sowie die Oberrealschule in Köln-Humboldtstraße. Das Abitur erwarb er als Externer an der Oberrealschule Köln-Kalk. Von 1930 bis 1933 studierte er Physik, Mathematik, Philosophie und Geologie an der Universität Bonn. Im Dezember 1932 bestand er sein physikalisches Verbandsexamen und studierte anschließend Physik und Mineralogie an der Universität zu Köln. Seit 1934 arbeitete er als Pressemitarbeiter und schrieb Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk, für den er auch Hörspiele schrieb. Im Dezember 1937 wurde er in Bonn bei Oskar Becker mit einer Dissertation über Quantenmechanik und Daseinsrelativität zum Dr. phil. nat. promoviert. Bense gehörte in den 1930er Jahren zur Rheinischen Gruppe.
Den von Max Scheler übernommenen Begriff Daseinsrelativität verwendete er, um zu erklären, dass neue Theorien nicht zugleich der klassischen Wissenschaft widersprechen müssen. Bense, erklärter Gegner des Nationalsozialismus, opponierte damit bewusst gegen die Deutsche Physik des NS-Staates, die die Relativitätstheorie wegen der jüdischen Herkunft Albert Einsteins ablehnte. Eine Habilitation wurde ihm darum verwehrt. Daran ändert auch seine Reverenz an den völkischen Zeitgeist nichts. Er floh 1948 vor der politischen Entwicklung der SBZ nach Boppard und wurde 1949 zum Gastprofessor und 1950 zum außerordentlichen Professor an die Technische Hochschule Stuttgart (seit 1967: Universität Stuttgart) für Philosophie und Wissenschaftstheorie berufen. 1955 entfachte Bense eine Kontroverse um mythologisierende Tendenzen in der deutschen Nachkriegskultur. Daraufhin wurde er zum Ziel öffentlicher Polemiken. Dies zögerte seine Berufung zum ordentlichen Professor bis 1963 hinaus. 1978 wurde er emeritiert. Bense war dreimal verheiratet und hatte insgesamt fünf Kinder. In seiner dritten Ehe war Max Bense seit 1988 mit Elisabeth Walther-Bense verheiratet.
Wirken
Benses Denken verband Naturwissenschaften, Kunst und Philosophie unter einer gemeinsamen Perspektive und verfolgte eine Definition von Rationalität, die als existentieller Rationalismus die Trennung zwischen geistes- und naturwissenschaftlichem Denken aufzuheben anstrebte. Ab 1938 arbeitete Bense zunächst als Physiker der Bayer AG in Leverkusen, im Zweiten Weltkrieg war er Soldat, zunächst als Meteorologe, dann als Medizintechniker in Berlin und Georgenthal, wo er nach Kriegsende kurzzeitig Bürgermeister wurde. 1945 berief ihn die Universität Jena zum Kurator (Universitätskanzler) und ermöglichte ihm an der Sozial-Pädagogischen Fakultät die (wahrscheinlich) kumulative Habilitation, der 1946 eine Berufung zum außerordentlichen Professor für philosophische und wissenschaftliche Propädeutik folgte. Daneben wirkte Bense von 1953 bis 1958 an der Ulmer Volkshochschule bzw. an der dortigen Hochschule für Gestaltung und hatte in den Jahren 1958 bis 1960 und 1966/1967 Gastprofessuren an der Hamburger Hochschule für bildende Künste inne. 1965 kandidierte er für die Deutsche Friedens-Union erfolglos zum Deutschen Bundestag. (Wikipedia)
Ulrich Fröschle (* 1963 in Leonberg) ist ein deutscher Germanist und Kulturhistoriker. Ulrich Fröschle war zunächst sechs Jahre Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr und durchlief eine Ausbildung zum Offizier des Truppendienstes des Heeres (ohne Studium). Er diente bei der Fallschirmjägertruppe, sein letzter Dienstgrad war Oberstleutnant der Reserve. Danach studierte er Germanistik, Neuere deutsche Geschichte, Geschichte Ost- und Südosteuropas sowie Slavistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Technischen Universität Dresden (Magister). Zwischenzeitlich arbeitete er für eine deutsche Unternehmensberatung. 2006 wurde er an der TU Dresden mit der Dissertation über Friedrich Georg Jünger und der „radikale Geist“. Eine Fallstudie zum literarischen Radikalismus der Zwischenkriegszeit zum Dr. phil. promoviert. Er habilitierte sich ebendort 2011 und lehrt seither als Privatdozent, seit 2017 als außerplanmäßiger Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturgeschichte am Institut für Germanistik der Technischen Universität Dresden. Von 2013 bis Oktober 2018 amtierte er als stellvertretender Direktor des MitteleuropaZentrums für Staats-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften in Dresden. Er hat insbesondere zu den Brüdern Friedrich Georg und Ernst Jünger sowie zu anderen Autoren der sogenannten Konservativen Revolution publiziert, zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs in der Literatur der Zwischenkriegszeit sowie zu Themen der Literatur- und Filmgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart, jüngst besonders zu Science-Fiction. (Wikipedia)
Das Buch

»Der Essay als Universalgattung des Zeitalters – Diskurse, Themen und Positionen zwischen Jahrhundertwende und Nachkriegszeit« (Amsterdamer Beiträge zur Neueren Germanistik, Band 88). Edited by Michael Ansel, Jürgen Egyptien, Hans-Edwin Friedrich. Herausgeber: BRILL/RODOPI – Koninklijke Brill NV, Leiden | Boston, 2016
»Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Essay-Forschung wieder in Bewegung geraten. Während ältere Untersuchungen auf einen Überblick der Gattungsgeschichte fixiert waren, hat sich nunmehr das Postulat einer notwendigen Historisierung der Essayproduktion durchgesetzt. Zugleich ist die Einsicht in die besondere Bedeutung des Reflexionsmediums Essay für die gattungsauflösende literarische Moderne und die durch vielfältige Medieninnovationen geprägte Postmoderne gewachsen. Daher begreift der Sammelband, der sich bewusst von gängigen literaturgeschichtlichen Epochengliederungen abgrenzt, den bis heute in fast unüberschaubarer Vielfältigkeit auftretenden Essay als Universalgattung des Zeitalters. Präsentiert werden neben bereits bekannte(re)n Autoren auch solche, deren einschlägiges Werk bislang kaum Aufmerksamkeit erregt hat. Die behandelten Essays werden unter vier systematischen Fragestellungen diskutiert: Gattung und Form, kognitive Aspekte, Themenspektrum und institutionelle Verortung sowie Medialität.« (Verlagstext)