Hinweise auf Menschen
Michael Esders
Der Literaturwissenschaftler inspiziert das Schlachtfeld der Begriffe und Metaphern, das sich auf alle Lebensbereiche ausgeweitet hat, denn die meisten Verirrungen der Jetztzeit haben mit Sprachregimen zu tun.
Der Gegenwart. — 11. September 2022
Die real praktizierte, öffentliche Sprache in diesem unserem Lande ist zu einem Gängelband des Denkens, Wahrnehmens und Fühlens geworden. Das ist eine der Kernaussagen eines höchst lesenswerten, zugleich sehr anspruchsvollen und intellektuell herausfordernden Bandes, den Michael Esders veröffentlicht hat. […] „Sprachregime“ kann im Singular oder auch im Plural gemeint sein. Nach der Lektüre weniger Seiten wird man merken: Es ist der Plural gemeint, und es geht nicht nur um Sprachregime, sondern um Deutungs- und soziale Sanktionsregime. China mit seinem Sozialkredit-System lässt grüßen. Es hat sich auch nicht nur ein einziges Gängelsystem etabliert, sondern es sind mehrere, denen sich nur Bestinformierte und mutig-kritische Geister zu entziehen vermögen. Auch der Begriff „Wahrheitssysteme“ im Untertitel hat es in sich. Denn es geht um oktroyierte „Wahrheiten“ (eigentlich „Falsch“-heiten), an die der brave Bürger, der typisch deutsche Untertan glauben soll. Sloterdijk verwendet hierfür und vor allem mit Blick auf die deutsche Migrationspolitik den Begriff „Lügenäther“. Überhaupt scheinen „Wahrheiten“ ganz im Sinne des Konstruktivismus zum Konstrukt geworden, das jederzeit und je nach politischer bzw. medialer Laune dekonstruiert werden kann. Etwa wie folgt: „Die Objekte der politischen Dekonstruktion – Familie, Volk, Nation, Kultur und Geschlechtsidentität – erscheinen als willkürliche, exklusive und zudem gefährliche Konstrukte, die es mit emanzipatorischem Ziel aufzulösen, letztlich zu beseitigen gilt.“ Und längst geht es nicht mehr um die Kategorien richtig/falsch, sondern um gut/böse. „Chemnitz 2018“ steht als Beispiel dafür; es war ja auch der Anlass für den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), von „politischen Wahrheitssystemen“ zu sprechen. Der Autor Esders hat damit eine höchst zeitgemäße Analyse zu Orwells „1984“ bzw. dessen Big Brother und dessen „Ministerium für Wahrheit“ (MiniWahr) geschrieben. Die Methoden des Big Brothers des Jahres 1948, als Orwell „1984“ schrieb, sind heute aufgrund der medialen Möglichkeiten sogar noch perfektioniert.
Josef Kraus: Michael Esders' ›SPRACHREGIME‹ – ein gleichermaßen erhellender und grimmiger Lesegenuss
Victor Klemperer 2.0 – Klemperers berühmtes Buch LTI (Lingua Tertii Imperii), das 1947 die Wirkungsweisen der Nazi-Sprache durchforschte und ihre Manipulationen im Wortdetail nachwies, ist heutzutage ein historisch abgelegtes Werk, gut für brave Hausarbeiten. Nie aber wird sein Ansatz für den polit-medialen Sprachgebrauch unserer Tage aufgegriffen. Dabei wäre es doch gerade lohnend, zu erkennen, welche parallelen Mechanismen heute noch gültig sind und mit verändertem Sprachmaterial auf unser Unbewußtes einwirken. »Sprachregime« von Michael Esders wagt sich an diese Herkulesaufgabe und öffnet wahrhaft Augen und Ohren.
Verlagstext auf Tichys Einblick Shop
Wahrnehmungs- und Meinungslenkung
In seinen Büchern und Essays untersucht Michael Esders, wie Medien, Marketing und Public Relations literarische Darstellungsformen als Formatvorlagen nutzen. Poetische Sprechweisen und ästhetische Strategien trügen dazu bei, manipulative Absichten unter dem Deckmantel der Interesselosigkeit zu verschleiern und gleichzeitig noch effektiver durchzusetzen, argumentiert Esders. Prominentestes Beispiel für diese Adaption poetischer Formen, die er als „Enteignung“ fasst, sei der weltweite Boom des Storytelling.
Die kommerzielle Verwertung der Sprache setzt sich bis in die Mikrostruktur von Texten hinein fort und dominiert zunehmend deren Gestaltung, wie Esders in seinem 2017 erschienenen Buch Alphabetisches Kapital analysiert. Über algorithmisch gesteuerte Sprachfunktionen in Suchmaschinen und Sozialen Netzwerken, die der Autor als „digitale Begriffsbörsen“ charakterisiert, etabliere sich schleichend eine „monetäre Grammatik“.
In seinem 2020 erschienenen Buch Sprachregime nimmt Esders die Wahrnehmungs- und Meinungslenkung in politischen Narrativen wie der „Willkommenskultur“ oder der „Klimarettung“ in den Blick. Deren Wirkung entfalte sich nicht primär auf der Wortebene, sondern in einem umfassenden, im Verborgenen wirkenden „Sprachregime“, führt Esders aus. Dieses verleihe der gewünschten Deutung jene Durchgängigkeit, aus der sich nach Belieben Wahrheits- und Legitimitätsansprüche ableiten lassen, und liefere Evidenzen, die gegen empirische Widerlegung immun sind.
Textgrundlage: https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Esders
Gegen empirische Widerlegung immun
Wie gelingt es, eine Agenda durchzusetzen, deren zerstörerische Folgen keinem unverstellten Blick entgehen können? Und wie ist es möglich, in der Migrations-, Klima- und Identitätspolitik die Evidenz des Augenscheinlichen dauerhaft außer Kraft zu setzen? Schlüssel zur Beantwortung dieser Fragen ist die Macht der Sprache, die zum Gängelband unseres Denkens, Wahrnehmens und Fühlens geworden ist.
Diese Macht entfaltet sich weniger in einzelnen Worten, als vielmehr in einem umfassenden, im Verborgenen wirkenden Sprachregime. Es verleiht der gewünschten Deutung jene Durchgängigkeit, aus der sich nach Belieben und auch gegen alle Vernunft Wahrheits- und Legitimitätsansprüche ableiten lassen. Unerwünschte Aspekte blendet es aus, erwünschte stellt es ins Rampenlicht. Es liefert Evidenzen, die gegen empirische Widerlegung immun sind, und stattet partikulare Deutungen mit dem Schein universeller Gültigkeit aus.
Michael Esders inspiziert das Schlachtfeld der Begriffe und Metaphern, das sich auf alle Lebensbereiche ausgeweitet hat. Der Literaturwissenschaftler dechiffriert die »Wahrheitssysteme« (Michael Kretschmer) der deutschen Politik, die sich über alle diskursiven Gepflogenheiten hin-wegsetzen. Er entziffert die Narrative der Willkommenskultur und des menschengemachten Klimawandels, in denen Haltungen über den Common Sense, Mythen über Theorien triumphieren.
Das mächtigste Sprachregime der Gegenwart hat die postmoderne Linke etabliert, die das in der Deutung von Texten erprobte Verfahren der Dekonstruktion auf die Politik überträgt. In der »Matrix der Differenz« stehen alle Formen der Identität und des kollektiven Selbst nicht nur unter Generalverdacht, sondern werden undenkbar. Nur wer das semantische Betriebssystem des Sprachregimes entschlüsselt, kann seine Macht brechen. Dazu möchte dieses Buch beitragen.
Verlagstext: https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Esders
Sprache ist der Schlüssel, um die Wirkungsweise
dieses smarten Totalitarismus zu verstehen.
Manuscriptum-Gespräch mit Michael Esders
Diese Diskursformationen und Denkmuster wurden über Jahrzehnte zunächst in den Hochschulen und in der Kulturszene, später in allen relevanten gesellschaftlichen Institutionen etabliert. Diese Hegemonie erklärt die Wucht, die eine solche Bewegung heute entfalten kann. Neu ist, daß es nun ganz unverhohlen um die Zerstörung aller funktionierenden Institutionen geht.
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Sprache ist der Schlüssel, um die Wirkungsweise dieses smarten Totalitarismus zu verstehen. Sie ermöglichen es, Zustimmung für interessenwidrige Ziele zu organisieren und Fremdbestimmtem stärkste intrinsische Motive zu unterlegen. Wer das semantische Vorfeld des Diskurses über Ausschlußmechnismen wie „Haß ist keine Meinung“ beherrscht, kann die Fassade eines „herrschaftsfreien“ Diskurses nach außen hin aufrechterhalten.
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Wer beim Genderthema linguistisch argumentiert und beispielsweise auf die Funktion des generischen Maskulinums oder den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht, Genus und Sexus aufmerksam macht, steht nicht nur auf verlorenem Posten, sondern macht sich verdächtig. Es geht nicht um Grammatik, sondern eine „höhere“ Gerechtigkeit, die in der Sprache mit bürokratischer Gründlichkeit vollstreckt wird.
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In der Klimabewegung wurde die mythische Heldenfahrt in großem Stil und mit großem Erfolg auf die Politik übertragen. Auch die Erzählung des Klimawandels selbst hat im Kern eine mythische Struktur. Das fängt schon damit an, daß das „Klima“, das geschützt und gerettet werden kann, kein Begriff ist, sondern personale Züge annimmt. Bei der überall präsenten Opfersymbolik setzt sich die Mythisierung fort. Das Problem dabei ist, daß eine rational unzugängliche Ebene erreicht wird. Das Klimanarrativ ist mehr als eine Theorie und somit auch nicht mehr widerlegbar.
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Wie Sie ja selbst hervorheben, wurden die Weichen für die Hegemonie der postmodernen Linken schon vor Jahrzehnten gestellt – zum Beispiel durch Denker wie Foucault, Derrida oder Lyotard. Diese haben den Weg dafür gebahnt, daß Differenz über alle Maßen aufgewertet und jede Form von Identität und Homogenität politisch unter Generalverdacht gestellt werden konnte. Innerhalb der „Matrix der Differenz“, die aus Versatzstücken dieser Theorien konstruiert wurde, gelten „Volk“, „Nation“ oder die Geschlechterbinarität als willkürliche und gefährliche „Konstruktionen“, die es aufzulösen und zu überwinden gilt, ja als gefährliches Gift.

Michael Esders (* 1971) ist Autor, Literaturwissenschaftler und Journalist. Er studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und wurde 1999 mit einer Arbeit über Begriffs-Gesten. Philosophie als kurze Prosa von Friedrich Schlegel bis Adorno promoviert. Nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung arbeitete er als Redakteur und in der Unternehmens-Kommunikation. (Wikipedia)
Michael Esders auf Twitter: twitter.com/MichaelEsders
Das Buch
Werkreihe von TUMULT
Am 15. Februar 2017 begann mit Rolf Peter Sieferles nachgelassener Schrift »Das Migrationsproblem« DIE WERKREIHE VON TUMULT bei Manuscriptum. Herausgegeben von Frank Böckelmann, erscheint sie dreimal jährlich in einem Turnus von etwa vier Monaten neben der Vierteljahresschrift für Konsensstörung. (tumult-magazine.net)
