Bekanntmachungen
Telepolis löscht
alle früheren Texte
Multipolar berichtet: »Mehr als 50.000 Artikel betroffen / Online-Magazin spricht von „Qualitätsoffensive“, will alte Texte nun „bewerten und überarbeiten“ / Ex-Chefredakteur und Autoren äußern scharfe Kritik«
Der Gegenwart. — 7. Dezember 2024 — UPDATE 16. Dezember 2024
Von MULTIPOLAR | Telepolis, eines der ältesten Online-Magazine Deutschlands, informierte am Freitag (6. Dezember 2024) darüber, alle Artikel, die vor dem Jahr 2021 veröffentlicht wurden, vollständig gelöscht zu haben. In jenem Jahr hatte der aktuelle Chefredakteur Harald Neuber die Leitung des Magazins von seinem Vorgänger Florian Rötzer übernommen, der Telepolis 1996 gegründet hatte.
Zur Begründung für die massenhafte Löschung, der schätzungsweise mehr als 50.000 Artikel zum Opfer fallen, schreibt Neuber, man habe die Texte „zunächst aus dem Archiv genommen“, da man „für deren Qualität nicht pauschal garantieren“ könne. „Keinesfalls“ handle es sich um „ein Misstrauensvotum gegen frühere Autoren und damalige Beiträge heutiger Autoren“. „Wir mussten aber einsehen“, so der Chefredakteur, „dass es keine realistische Möglichkeit gibt, die enorme Menge von Artikeln aus gut 25 Jahren hinreichend zu prüfen.“
Die Kritik an dem beispiellosen Vorgehen ist scharf
Im Widerspruch dazu heißt es im Text der Erklärung, die Redaktion werde nun „die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten.“ Eine Nachfrage von Multipolar, was mit „bewerten und überarbeiten“ gemeint sei und ob die Texte nun umgeschrieben werden sollten, ließ Neuber zunächst unbeantwortet – ebenso die Frage, woraus abgeleitet werde, dass ein Chefredakteur die vor vielen Jahren publizierten Artikel, die seine Vorgänger zu verantworten haben, prüfen müsse.
Die Kritik an dem in der deutschen Medienlandschaft bislang beispiellosen Vorgehen ist scharf. Telepolis-Gründer Florian Rötzer erklärte, Telepolis betreibe: „stalinistische Cancel Culture“ und lösche „fast 25 Jahre Geschichte unter anderem des Internets, um sich dem Mainstream unkritisch und marktkonform anzupassen“. Das Magazin wolle „Geschichte korrigieren oder verfälschen“, kritisierte Rötzer. Unter seiner Leitung hatte Telepolis seinerzeit mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Grimme Online Award.
Telepolis-Autorin bemängelt fehlendes Rückgrat
Neuber betonte in seiner Erklärung hingegen das von ihm selbst erreichte journalistische Niveau und begründete dies mit einer Einschätzung durch das US-Bewertungsportal NewsGuard, welches Telepolis „mit der vollen Punktzahl als ‚sehr glaubwürdig‘“ einstufe. NewsGuard wird derzeit von einem Ausschuss des US-Parlamentes untersucht wegen des Vorwurfes, mit seinem Bewertungssystem die Meinungsfreiheit einzuschränken und als „intransparenter Teil von Zensurkampagnen“ zu agieren. Laut einer Multipolar-Recherche steht NewsGuard der US-Regierung nahe und ist in seiner Arbeit durch zahlreiche Interessenkonflikte kompromittiert.
Telepolis-Autorin Sabine Schiffer hält die aktuelle Löschung für „den Anfang vom Ende des Projekts“ und bemängelt fehlendes Rückgrat. Die Redaktionsleitung gehe „den geduckten Weg“ und setze „fatale Signale“. Vieles, was auf dem Portal „einst kontrovers war (und deshalb besonders gut und aufwändig belegt werden musste)“ habe sich „inzwischen bewahrheitet“. Doch „die Dokumentation der eigenen frühen und mutigen Leistung ist nun weg“, so Schiffer, die als Professorin an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt am Main lehrt.
Chefredakteur Harald Neuber „zerstöre“ Telepolis
Telepolis-Autor Philipp von Becker, dessen neuere Texte weiterhin aufrufbar sind, die älteren aber ebenso vollständig gelöscht, spricht von einer „Unverschämtheit und Dreistigkeit, das als ‚Qualitätsoffensive‘ zu verkaufen“. Neuber „zerstöre“ Telepolis. Marcus Klöckner, ein weiterer langjähriger Autor des Magazins, erklärte gegenüber Multipolar, Telepolis habe „über zwei Jahrzehnte im positivsten Sinne ein Stück deutsche Mediengeschichte geschrieben“, nun jedoch sei der „Untergang eines Magazins“ zu erleben, „dessen Wurzeln abgeschlagen werden“.
Bereits im Februar hatte Telepolis allen vor 2021 erschienenen Artikeln pauschal eine distanzierende Warnmeldung („Disclaimer“) vorangestellt, wonach diese Texte „möglicherweise in Form und Inhalt nicht mehr den aktuellen journalistischen Grundsätzen der Heise Medien und der Telepolis-Redaktion“ entsprächen. Gegenüber Multipolar hatte Neuber damals erklärt, er könne „nicht alle Inhalte, die vor meiner Zeit als Chefredakteur erschienen sind, überarbeiten (lassen)“ und sich daher für den Warnhinweis entschieden. Nach Kritik war dessen Formulierung später stillschweigend geändert worden.
Unter dem aktuellen Beitrag, der über die Löschung der Artikel informiert, ist, anders als bei Telepolis üblich, das Leserforum abgeschaltet worden. Kommentare sind nicht möglich. Auf dem X-Kanal des Portals, wo kommentiert werden kann, wurde der Beitrag nicht ausgespielt. ■
Quelle: »Telepolis löscht alle früheren Texte«, Multipolar vom 6. Dezember 2024 ⋙ Link — Mit freundlicher Genehmigung der Autoren. Die Zwischenüberschriften wurden hier eingefügt.
Aktuelle Artikel
Multipolar
Automatisiertes Töten
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Eine Frage, Frau Fahimi: Steht die Gewerkschaft noch zur Pressefreiheit?
„Die junge Generation macht mir Hoffnung“
Der Arzt als Polizist
Zur Bewertung der Coronalage im März 2020
Sichere Kinderimpfungen?
„Die Menschen sollen Angst haben“
Presserat: Nicht jede Angst ist schlecht
„Wir müssen Druck aufbauen“
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Durch Ausradieren zum Organ der Wahrheit stilisiert
Dass 1933ff. eingestellte Schriftleiter jahrzehntealte Artikel aus den Archiven ihrer Zeitung entfernt hätten, weil sie nicht mehr dem neuen Leitbild der Schrifttumskammer entsprachen, ist mir nicht bekannt und auch eher unwahrscheinlich, weil sie nur für den aktuellen Inhalt ihres Blatts verantwortlich waren und nicht für die Säuberung der Vergangenheit. Warum und nach welchen Kriterien müssen historische Artikel überhaupt „hinreichend“ überprüft werden? – oder anders gefragt: wo kommen wir hin, wenn alle Zeitungen und Medienhäuser ihre Archive von allen Texten säubern, die sich als falsch, tendenziös, unsachgemäß und unjournalistisch im klassischen Sinne herausgestellt haben? Welche Medienrealität werden die oben angesprochenen Historiker in einem derart durchgekärcherten Daten,-Nachrichten,-Meinungs-Korridor einst noch finden? – jedenfalls nicht die, die in der Öffentlichkeit existiert hat. […] Was Schopenhauer über die Archive sagt – „Wie die Schichten der Erde die lebenden Wesen vergangener Epochen reihenweise aufbewahren; so bewahren die Bretter der Bibliotheken reihenweise die vergangenen Irrtümer und deren Darlegungen.“ – gilt selbstverständlich auch für die Fake News von gestern, das tödliche Grippevirus von vorgestern und die Massenvernichtungswaffen vor zwanzig Jahren. Wer sich durch Ausradieren vergangener Irrtümer zu einem Organ der Wahrheit stilisiert, macht sich als journalistisches Medium lächerlich und nicht glaubwürdig. […] Telepolis wurde nicht bedeutend und groß, weil man für die Berichte nur dpa-, und AP-Ticker verwurstete, sondern weil andere Quellen, Dokumente, Zeugen und Sichtweisen zu Wort kamen als bei diesen Agenturen.
Mathias Bröckers: »R.I.P. Telepolis«, 9.12.2024 ⋙ Link
Licht und Schatten aus früherer Zeit bewahren
Wenn man dem absurden Maßstab der neuen Telepolis-Macher folgt und ihre Denkweise weiterspinnt, müsste man konsequenterweise ganze Bibliotheken ausmisten. Man sollte dann wohl auch die Werke von Goethe und Schiller verbannen, weil ihre Sprache und ihre Ansichten nicht mehr zeitgemäß sind. Oder Philosophen wie Kant und Nietzsche, deren Gedanken heute vielen kritisch aufstoßen, weil sie in unserer verrückten Zeit sensiblen Linken als problematisch erscheinen? Und was ist mit Musik? Wollen wir Wagner aus den Konzerthäusern verbannen, weil seine Weltanschauung nicht mehr in unsere Zeit passt? Oder Musiker wie Bob Dylan oder die Rolling Stones, deren Songtexte heute als kontrovers gelten könnten – oder neudeutsch „diskriminierend“? Die nächste Konsequenz wäre, alte Filme zu löschen, weil sie Stereotype enthalten, die heute als politisch unkorrekt gelten. Vielleicht ein Disclaimer vor der Mona Lisa, weil da Vinci nie ein modernes Antidiskriminierungstraining durchlaufen hat? Das Perverse an solchen Vernichtungs-Ideen ist: All diese Werke, ob Texte, Musik oder Kunst, sind Teil unserer Geschichte. Man muss sie eben gerade bewahren, um aus ihnen zu lernen – und sie eben nicht nachträglich umschreiben oder verschwinden lassen. Doch genau das passiert hier, bei Telepolis. Vor unseren Augen. Statt stolz auf die eigene Geschichte zu sein, statt Licht und Schatten aus früherer Zeit gleichermaßen zu bewahren, wird sie ausgelöscht – und das unter dem Deckmantel einer „Qualitätsoffensive“. Diese Logik ist so grotesk, dass sie sich selbst ad absurdum führt. […] Was hier passiert, ist ein Lehrstück darüber, wie unter dem Diktat des rot-grün-woken Zeitgeists mit der Vergangenheit umgegangen wird. Denn wer die Vergangenheit löscht oder „überarbeitet“, kontrolliert den Rahmen dessen, was heute und morgen gedacht werden darf. Es mag im digitalen Zeitalter neue Methoden geben. Doch der Gedanke dahinter ist alt: Kontrolle durch Löschung. Mein Freund hat Recht: Es wird immer klarer, wo der Hase hinläuft. Und wer das zulässt, wird irgendwann feststellen, dass nicht nur Geschichte verschwindet – sondern auch die Freiheit, sie zu erzählen. Wer die Vergangenheit auslöscht, reißt nicht nur Wurzeln aus – er sägt damit auch an der Zukunft. Und das ist fatal.

Florian Rötzer — Foto: Edward Beierle/Overton
#Telepolis betreibt stalinistische #CancelCulture und #löscht fast 25 Jahre Geschichte u.a. des Internet, um sich dem #Mainstream unkritisch und marktkonform anzupassen.
Florian Rötzer auf X, 5.12.2024
Der Gründer
Florian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München und als Organisator zahlreicher internationaler Symposien gearbeitet. Von 1996 bis 2020 war er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Von ihm erschienen sind u.a. „Die Telepolis“ (1995), „Vom Wildwerden der Städte“ (Birkhäuser 2006) und zuletzt „Sein und Wohnen“ (Westend 2020). (Overton) Seit Anfang Januar 2022 baut Florian Rötzer bei der Vertriebsplattform Buchkomplizen des Westend Verlags das Online-Magazin Overton auf. (Wikipedia)
Florian Rötzer auf Overton ⋙ Link
„Zeitschrift der Netzkultur“
Telepolis ist ein deutschsprachiges Onlinemagazin der Heise Gruppe. Es geht auf ein gleichnamiges Kulturprojekt zurück, das 1995 vom Medienlabor München entwickelt wurde. Telepolis informiert seither über die gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Aspekte des digitalen Zeitalters. Dazu zählen z. B. Internetregulierung und Massenüberwachung. Das Magazin ist eines der ältesten Angebote zu Themen der Netzkultur. Verschiedentlich wird dem Magazin vorgeworfen, Verschwörungstheorien eine Plattform zu bieten.
Geschichte
Im Jahre 1995 entwickelten Armin Medosch und Florian Rötzer mit Kollegen am Medienlabor München einen Beitrag zur Ausstellung über Luxemburg als „Kulturstadt Europas“. Ihre Idee war es, eine virtuelle Netzgemeinschaft zu errichten, die sich an reale Städte anlehnt. Die Heise Gruppe unterstützte die Realisierung des Projekts „Telepolis“ als gemeinsinnige Ergänzung bestehender Fachmedien des Verlags, darunter die IT-Magazine c’t und iX sowie heise online. 1996 startete das Onlinemagazin mit einer Kernredaktion aus drei Personen. Im April 1997 folgte eine gedruckte Ausgabe im klassischen Zeitschriftenformat. Verschiedene andere Medien begannen mit der Übernahme von Inhalten aus Telepolis, darunter der Der Tagesspiegel.
Ende der 1990er Jahre wurde die Redaktion ausgebaut und nach dem Zusammenbruch der Dotcom-Blase im Jahr 2000/2001 wieder verkleinert, etwa durch Wegfall einer Stelle in London. Das Onlineforum, das bisher frei zugänglich war, wurde auf das Registrierungssystem von heise online migriert. Obwohl netzpolitische Themen eine geringere Rolle spielten, konnte Telepolis damals seine Reichweite als Medium für Netzkultur behaupten. In den 2000er Jahren nutzt der Heise Verlag die Marke Telepolis für weitere Angebote, darunter eine Buchreihe und Veranstaltungen. Am 9. Januar 2023 gab der Heiseverlag den Wechsel bekannt, dass ausschließlich die Domain telepolis.de benutzt wird und nicht mehr aus der Anfangszeit stammende heise.de/tp der ersten Onlineveröffentlichungen.
Ende 2024 kündigte Telepolis eine umfassende redaktionelle Überarbeitung seines Archivs an. Danach sollen zunächst vor 2021 erschienene Artikel nicht mehr verfügbar sein und später ausgewählte Beiträge wieder zugänglich gemacht werden.
Struktur und Finanzierung
Telepolis ist ein Angebot von Heise Medien, ein Unternehmen der Heise Gruppe. Seit Gründung führt das Unternehmen das Onlinemagazin mit einer unabhängigen Redaktion weitgehend unverändert fort. Ende 2020 ging Chefredakteur und Gründer Florian Rötzer in Ruhestand, sein Nachfolger wurde Harald Neuber. Neuber gab Telepolis im Jahr 2022 ein neues Leitbild, wonach es sich als Magazin verstehe, das „überparteilich aktuelle Informationen und pointierte Einschätzungen für eine Gesellschaft und Welt im Umbruch“ biete. Ältere Artikel wurden zuerst mit einem Disclaimer gekennzeichnet und später dann ganz gelöscht.
Zur Redaktion gehören drei weitere Personen, dazu kommen vier ständige Mitarbeiter sowie Teams für Grafik und Webentwicklung.
Telepolis basiert auf InterRed, einem Content-Management-System, das auch für andere Onlinemagazine der Heise Gruppe genutzt wird. Die Vermarktung der Werbeplätze von Telepolis erfolgt vollkommen unabhängig von der Redaktion. Ein werbefreies Bezahlangebot gibt es mit Heise Pur. Am 18. März 2024 wurde ein freiwilliges Unterstützermodell ohne Paywall bei Telepolis eingeführt.
Themen
Die Gründer beschrieben Telepolis als „Zeitschrift der Netzkultur“. Der Verlag nannte das Angebot eine „zeitgemäße Ausgabe einer Kulturzeitschrift“. Die Tageszeitung ordnete Telepolis 1996 als „Zeitschrift für die gebildeten Online-Stände“ ein und erkannte avantgardistische Züge. Telepolis veröffentlicht aktuelle Nachrichten sowie Kommentare und Interviews. Das Onlinemagazin deckt ein breites Spektrum ab – von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Energie und Klima bis zu Kultur und Medien. Das Leserforum ist mit heise online vergleichbar und wird passiv moderiert. Neben redaktionellen Inhalten kommen Gastautoren zu Wort. Darunter waren etwa der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der Politikwissenschaftler Christian Hacke, die Theologin Margot Käßmann, der Science-Fiction-Autor und Philosoph Stanisław Lem, der Medienkritiker Douglas Rushkoff und die Politikerin Antje Vollmer.
Kritik
Telepolis bietet vom sogenannten Mainstream abweichenden Meinungen zu zeitgeschichtlichen Themen ein Forum. Bereits zwei Tage nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 mutmaßte Mathias Bröckers in einem Beitrag auf Telepolis, die Bush-Regierung habe die Attentate mit Absicht geschehen lassen. Aus dem einen Artikel wurde im Lauf der Zeit eine Verschwörungsserie, die Bröckers zu einem Star der Truther-Szene machte[15] und ihm von Wolfgang Wippermann Antisemitismusvorwürfe einbrachte.
In ihrem Aufsatz Lügenpresse – Eine Verschwörungstheorie? behandeln Uwe Krüger und Jens Seiffert-Brockmann 2017 Gegenöffentlichkeiten und Alternativmedien, die in verschiedenen Milieus und weltanschaulichen Richtungen verankert sind. Während der Ukraine-Krise 2014 untersuchten sie unter anderem Telepolis und stellten fest, dass dieses Medium aus einer linken Perspektive Informationen hervorhob, die den pro-westlichen Akteuren negativ gegenüberstanden und das Narrativ der demokratischen Revolution in Frage stellten. Solchen Medien sei gemeinsam, „dass sie an einer Perforierung der etablierten Medienwirklichkeit arbeiten, Realitätsdefinitionen der etablierten Massenmedien in Zweifel ziehen, Referenzrahmen und Axiome des Mainstreams für ungültig erklären und austauschen.“ Die freiheitlich-pluralistische Demokratie werde als Meinungsdiktatur hingestellt, die auf einer Verschwörung zwischen herrschenden Eliten und etablierten Medien basiere.
Der Amerikanist und Verschwörungstheorieforscher Michael Butter reihte Telepolis 2019 ein in die alternativen Medien wie KenFM, NachDenkSeiten oder Rubikon, die alle eine Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Qualitätsmedien und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bilden würden. Laut Butter bedienen sie Verschwörungstheorien wie die von der „Lügenpresse“ und verkaufen diese als seriöse Nachrichten.
Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume wies 2020 auf die strukturellen Zusammenhänge zwischen Verschwörungstheorien und Antisemitismus hin und bezog sich dabei auf einen telepolis-Beitrag von Markus Kompa, der behauptet hatte, dass der Begriff „conspiracy theory“ von der CIA im Jahr 1967 erfunden worden sei, um Zweifler an der offiziellen Version des Kennedy-Mordes zu diskreditieren. Seitdem würden gehorsame deutsche Medien nach CIA-Vorgabe kritische Stimmen als Verschwörungstheoretiker stigmatisieren. Die Verschwörungserzähler unterstellten daher ihren Kritikern, letztlich im „Auftrag der CIA“ nur missliebige Andersdenkende zu diffamieren. Tatsächlich sei der Begriff aber schon seit dem 19. Jahrhundert nachweisbar und im heutigen Sinn z. B. schon ab 1948 vom Wissenschaftsphilosophen Karl Popper verwendet worden. Kompa, der auch beim russischen Staatssender Russia Today und beim Verschwörungsideologen Ken Jebsen aufgetreten ist, habe so „einen üblen Verschwörungsmythos im deutschen Sprachraum digital hochgeschwurbelt, der inzwischen zum festen Bestandteil auch des Antisemitismus geworden“ sei.
Auszeichnungen
Grimme Online Award in der Kategorie Medienjournalismus (2002) und Lead Award für spezialisierte Onlinemagazine (2004). (Wikipedia)