Argumente & Lagebericht
Kaum ein Mensch will
rechts sein. Warum nicht?
Peter Hoeres geht „einer folgenreichen Unterscheidung in Geschichte und Gegenwart“ auf den Grund. Rainer Zitelmann stellt das wichtige Buch vor.
Der Gegenwart. — 7. Februar 2026
Von Dr. Dr. RAINER ZITELMANN. | Immer wieder kann man lesen, die Begriffe „links“ und „rechts“ seien längst überholt. Während mehr als 90 Prozent der Menschen kein Problem haben, ihren Standort auf einer Links-rechts-Skala zu bestimmen, erklären insbesondere Akademiker gerne wortgewandt, warum diese Unterscheidungen längst überholt seien. Klar, wer sich selbst als intellektuelles Unikum sieht, befähigt mit der Gabe höchster Differenzierungsfähigkeit, fühlt sich geradezu vergewaltigt, wenn man ihm etwa eine Skala von 0 (linksextrem) bis 10 (rechtsextrem) vorlegt und ihn bittet, sich dort einzuordnen. Nun, ich oute mich gerne zu Beginn der Besprechung, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich mich selbst ziemlich genau bei einer 7 einordnen würde. Übrigens habe ich durch Allensbach eine Befragung durchführen lassen, die zeigte, dass sich in Deutschland die meisten Kapitalismus-Anhänger ebenfalls bei 7 einordnen, während die Zustimmung zum Kapitalismus bei rechtsaußen wieder geringer wird. In manchen anderen Ländern ist das auch so, in anderen nicht.
Natürlich gibt es andere Schemata, z. B. eine Matrix, in der kollektivistische und individualistische Orientierungen gegenüberstehen, welche möglicherweise besser zu einer Beschreibung taugen. Aber dass das Links-rechts-Schema so lange überlebt hat, obwohl es immer wieder als obsolet bezeichnet wird, zeigt, dass es eben nicht bedeutungslos ist. Andernfalls wäre es längst verschwunden.
Hoeres zeigt, dass die Links-rechts-Unterscheidung, zunächst gar nicht unbedingt politisch gesehen, „historisch durchgängig und global verbreitet [ist], wobei rechts traditionell überwiegend positiv, links überwiegend negativ besetzt ist“.
Rechts ist verfemt: Es fing an mit
Konzerten wie „Rock gegen rechts“.
Heute ist das bekanntlich anders. Rechts ist verfemt: Es fing an mit Konzerten wie „Rock gegen rechts“ und heute ist der Begriff im öffentlichen Diskurs diskreditiert: „Die Feinderklärung ‚rechts’ duldet keine Neutralität, keine Privatheit, keine Differenzierung oder Zurückhaltung“, so Hoeres. „Es ist alles erlaubt, ja geboten in diesem Kampf, und dem Feindobjekt werden jegliche Menschenrechte zumindest implizit abgesprochen.“
Wahlweise können unter dem Feindbild „rechts“ alle subsumiert werden, die nicht eindeutig links sind – also nicht nur die AfD, sondern auch die Unionsparteien, Libertäre, Anti-Feministen, konservative Intellektuelle oder Medien wie die Neue Zürcher Zeitung, Die Welt, Cicero, Nius und Apollo sowieso. Heute früh, bevor ich diese Besprechung schrieb, hielt mir ein Follower auf Facebook entgegen, Cicero, NZZ und Focus seien „rechtswirre Propagandaschleudern“.
Der Kampf gegen rechts, so Hoeres, ziele auf eine soziale Vernichtung derjenigen, denen das Etikett „rechts“ angeklebt wird. „Es ist ein Instrument der Spaltung, durch Androhung moralisch-sozialer Höchststrafe, die bis in die Privatsphäre hineinreicht.“ Jüngstes Beispiel, das sich noch nicht in dem Buch findet: Der Spiegel skandalisierte die Geburtstagsfeier des Unternehmers Theo Müller, weil sich unter den 250 Gästen etwa zehn befanden, die als rechts gelten oder es sind – so etwa Alice Weidel, Peter Gauweiler oder auch der Rezensent. Dass ich selbst seit 31 Jahren FDP-Mitglied bin und Gauweiler sein Leben lang CSU-Politiker, bestätigt wohl aus linker Sicht nur die Gefährlichkeit der ganzen Angelegenheit.
Woher die panische Angst vor allem,
was als „rechts“ gelten könnte?
Als ich auf Facebook entgegenhielt, bei Umfragewerten von 25 Prozent für die AfD sei es doch sehr wahrscheinlich, dass bei den meisten Geburtstagsfeiern auch AfD-Wähler darunter seien, reagierten linke Follower empört und versicherten, bei ihren Geburtstagsfeiern treffe man auf gar keinen Fall Rechte. Es seien alle da, schrieb einer, sowohl Millionäre als auch Geflüchtete, natürlich auch LGBTQ-Personen, aber mit Sicherheit kein einziger Rechter.
Woher die panische Angst vor allem, was als „rechts“ gelten könnte? „Die Herrschaft des Verdachts identifiziert alle Andersdenkenden als rechts = rechtsextrem, mit der Assoziation nationalsozialistisch. In der Nacht der Erkenntnis sind alle Katzen braun.“ Dabei ist gerade die Bezeichnung des Nationalsozialismus als „rechts“ zweifelhaft. Hoeres widmet diesem Thema deshalb zu Recht 35 der 192 Seiten: „War der Nationalsozialismus rechts?“
Hitler selbst wandte sich stets scharf dagegen, seine Partei als „rechts“ zu bezeichnen und wandte sich in seinen Reden ebenso scharf gegen „links“ wie „rechts“. Zuweilen wurde die Parole „Der Feind steht rechts“ sogar von der Hitlerjugend oder NSDAP-Funktionären gebraucht, so informiert Hoeres. Ich möchte ergänzen: Im Parlament stimmte die NSDAP häufig zusammen mit den linken Parteien SPD und KPD, wenn es um sozialpolitische Fragen ging. Sie brachte Anträge im Parlament ein, in denen sie die Nationalisierung aller Großbanken oder das Verbot des Handels mit Wertpapieren verlangte. Der Besitz der „Bank- und Börsenfürsten“ sowie alle „Gewinne aus Krieg, Revolution und Inflation“ sollten beschlagnahmt werden.
Forderungen der NSDAP stellten eine
Bedrohung für das Privateigentum dar.
Die wirtschaftsnahe Deutsche Bergwerk-Zeitung kommentierte angesichts solcher Forderungen, die NSDAP stelle eine Bedrohung für das Privateigentum dar und unterscheide sich nur wenig von den Kommunisten. Die Deutsche Allgemeine Zeitung in Berlin, die einem Konsortium aus Ruhrindustriellen, Bankiers und Reedereibesitzern gehörte, gelangte zu dem Ergebnis: Im gleichen Maße, wie sich die Sozialdemokraten vom Marxismus distanzierten, seien die Nationalsozialisten offenbar darauf bedacht, dessen Erbe zu übernehmen.
Hoeres resümiert: „Das Egalitätsversprechen für die ‚Volksgenossen’, die Kontrolle der Ökonomie, die Feindschaft gegen die habsburgische wie preußische Monarchie, gegen die traditionellen Eliten, gegen das Bürgertum und die Kirche, der Antikapitalismus, die Glorifizierung des Arbeitertypus, der starke Zustrom von linken und kommunistischen Organisationen wie dem Rotfrontkämpferbund, die soziale Aufwärtsmobilisierung und die Sozialpolitik – das alles spricht einerseits dafür, Hitler und den Nationalsozialismus nicht auf der Rechten einzuordnen. Andererseits sprechen sein Nationalismus und Rassismus, der freilich auch links zu findende Antisemitismus, der Antimarxismus und Antibolschewismus – obschon nicht das Zentrum von Hitlers Ideologie – das Fortbestehen von Privateigentum und marktwirtschaftlichem Konkurrenzprinzip, sein taktisches Bündnis mit den Konservativen und der Industrie gegen eine Verortung auf der Linken, sofern man darunter zumindest die Übernahme der Grundprinzipien der Französischen Revolution und des Sozialismus versteht.“
Einen Antisemitismus finden wir
heute stets auch auf der Linken.
Der linke Theoretiker Friedrich Pollock, der zur Frankfurter Schule gehörte, erkannte schon 1941, die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung bedeute „die Zerstörung aller wesentlichen Teile des Privateigentums, von einem abgesehen“ – nämlich dem formalen Rechtstitel, der jedoch nur noch eine leere Hülle sei. Der Antisemitismus, dies schränkt Hoeres zu Recht ein, war keine genuin rechte Ideologie. Von Eugen Dühring bis hin zu den Anti-Palästina-Aktivisten von heute finden wir stets einen Antisemitismus auch auf der Linken. Der Antibolschewismus kann auch nicht als Beleg für eine rechte Gesinnung gelten, denn Kommunismus und Nationalsozialismus waren primär Rivalen im Kampf gegen die liberal-kapitalistische Ordnung.
Peter Hoeres hat mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag geleistet, der auch aufzeigt, wie sich das Meinungsspektrum in Deutschland über Jahrzehnte immer mehr nach links verschoben hat. Der „Kampf gegen rechts“ ist keine sprachliche Ungenauigkeit in dem Sinne, dass eigentlich der Kampf gegen Rechtsextremismus gemeint sei. Tatsächlich richtet er sich gegen alles und alle, die nicht eindeutig links sind. Und es würde mich nicht wundern, wenn nach einem möglichen Verbot der AfD die Forderung von linker Seite aufkommen würde, auch CDU/CSU und FDP zu verbieten – es sei denn, diese würden sich selbst vollständig der linken Weltsicht unterwerfen. Einer nach dem anderen.
© Dr. Dr. Rainer Zitelmann: »„Kaum ein Mensch will rechts sein“ – warum nicht?« (Amazon-Rezension des Buches von Peter Hoeres, 18. Oktober 2025) — Mit freundlicher Genehmigung des Autors. ⋙ Link — Die Zwischenüberschriften wurden hier redaktionell eingefügt.

Prof. Dr. Peter Hoeres
Foto: Gerhard Bayer/Wikimedia
Lebensdaten
Peter Hoeres (* 13. November 1971 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Historiker. Peter Hoeres ist ein Sohn des Philosophen Walter Hoeres. Er studierte von 1992 bis 1997 Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main und der Universität Münster. Nach dem Magister Artium 1998 war er wissenschaftliche Hilfskraft und Dozent für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen am Standort Essen. Im Anschluss war Hoeres Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Computergestützte Hochschullehre im Fach Geschichte“ an der Universität Münster. 2002 wurde er bei Hans-Ulrich Thamer in Geschichte mit der Dissertation Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg zum Dr. phil. promoviert, wofür er ein Jahr später mit dem Dissertationspreis der Universität Münster ausgezeichnet wurde. Von 2004 bis 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hans-Ulrich Thamer am Historischen Seminar in Münster und von 2007 bis 2011 bei Frank Bösch am Historischen Institut der Universität Gießen, wo er auch assoziiertes Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture wurde. 2010 erhielt Hoeres das Postdoctoral Fellowship des Deutschen Historischen Instituts Washington und 2011 ein Forschungsstipendium der Gerda Henkel Stiftung. 2011 habilitierte er sich mit der von Frank Bösch betreuten Arbeit Außenpolitik und Öffentlichkeit. Massenmedien, Meinungsforschung und Arkanpolitik in den deutsch-amerikanischen Beziehungen von Erhard bis Brandt. Danach vertrat er die Professuren für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen und für Neueste Geschichte an der Universität Mainz. 2013 wurde Hoeres Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören internationale Geschichte, Kulturgeschichte, Mediengeschichte sowie Wissenschafts- und Ideengeschichte. (Wikipedia)
Rainer Zitelmann wurde 1957 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte von 1978 bis 1983 in Darmstadt Geschichte und Politikwissenschaft und schloss sein Studium „mit Auszeichnung“ ab. 1986 promovierte er bei Professor Frhr. von Aretin in Geschichtswissenschaft zum Dr. phil. Die Dissertation wurde mit summa cum laude bewertet. Von 1987 bis 1992 arbeitete Zitelmann am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin. Danach war er Cheflektor des Ullstein-Propyläen-Verlages, damals die drittgrößte Buchverlagsgruppe Deutschlands und leitete bis zum Jahr 2000 verschiedene Ressorts der Tageszeitung „Die Welt“. Im Jahr 2000 wurde Zitelmann Unternehmer und gründete das PR-Unternehmen Dr. ZitelmannPB. GmbH (heute: PB3C), das seitdem Marktführer für die Positionierungsberatung von Immobilienunternehmen in Deutschland ist. Im Jahr 2016 verkaufte er das Unternehmen. 2016 promovierte er ein zweites Mal – diesmal in Soziologie zum Dr. rer. pol. – bei dem Reichtumsforscher Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach an der Universität Potsdam. Zitelmann hat bislang 31 Bücher geschrieben und herausgegeben, die weltweit in 35 Sprachen erfolgreich sind. Er ist ein gefragter Vortragsredner in Asien, den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Europa. (weltraumkapitalismus.de)
Das Buch
»Nach dem Ende der Sowjetunion galt die Unterscheidung »rechter« und »linker« politischer Strömungen als veraltet. In einer globalisierten Welt sollten politische Entscheidungen nicht mehr durch ideologische Kategorien bestimmt, sondern fortan sachgerecht getroffen werden. Spätestens nach den Terroranschlägen von 2001 erwies sich die Vorstellung vom Ende der Geschichte als Illusion. Seitdem kehrt das binäre politische Ordnungsmuster mit Macht zurück, allerdings neu akzentuiert. Kaum ein Mensch will und darf in Deutschland mehr rechts sein. Die Zuschreibung »links« ist hingegen weniger stark negativ belastet. Wie variabel die Positionierung zwischen den beiden Polen allerdings sein kann, zeigt sich mit Blick auf Selbstverständnis und Außenwahrnehmung der Nationalsozialisten und auf die Richtungskämpfe im Kommunismus. Peter Hoeres belegt eindrucksvoll, dass die Renaissance des binären politischen Ordnungsschemas auf Konstanten beruht, die sich durch die gesamte menschliche Geschichte ziehen. »Rechts« war, im Gegensatz zu heute, historisch überwiegend positiv, »links« überwiegend negativ besetzt. Eine politische Umwertung erfolgte erst im Zuge der Französischen Revolution. Mit der zunehmenden normativen Zuspitzung droht das binäre Schema inzwischen zur Gefahr für den Rechtsstaat und das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu werden.« (Verlagstext)
Begriffe prägen Debatten
Ist „rechts“ wirklich gefährlich und „links“ automatisch gut? | Prof. Dr. Peter Hoeres (Union Stiftung; Premiere am 25.1.2026; 36:39 min.)
»Die Begriffe rechts und links prägen unsere politischen Debatten. Doch woher kommen sie eigentlich und was sagen sie heute noch aus? Im Gespräch über das Buch „Rechts und links“ zeigt der Historiker Prof. Dr. Peter Hoeres, warum diese Unterscheidung älter ist als die moderne Demokratie, weshalb sie historisch ganz anders bewertet wurde und warum das binäre Denken heute zunehmend zur Belastung für Rechtsstaat und gesellschaftlichen Zusammenhalt wird. Ist „rechts“ ein politischer Standpunkt? Warum ist „links“ gesellschaftlich weniger stigmatisiert? Brauchen wir neue Kategorien, um politische Konflikte zu verstehen? Ein Gespräch über Geschichte, Ideologie und die Frage, ob unsere politische Sprache uns mehr spaltet als hilft.«
Konstituante von 1789
Das Aufkommen der Unterscheidung „links“ – „rechts“ im Sinne politischer Richtungsbegriffe wird auf den Ursprung der Französischen Nationalversammlung in der Konstituante von 1789 zurückgeführt. Dort saßen die „Radikalen“ (womit damals (sozial-)liberal-demokratische Kräfte bezeichnet wurden) links und die konservativ-reaktionären Aristokraten rechts. Der Hintergrund lag darin, dass der Platz rechts des Gastgebers/Königs infolge der überwiegenden Rechtshändigkeit traditionell der bevorzugte Platz war, wie auf den Abbildungen der Hoftage in vielen europäischen Ländern zu sehen ist: Die Vertreter des ersten Standes, des Klerus, saßen rechts vom König. Auch in der aufgelockerten Raumsituation der Konstituante setzten sich diejenigen, die sich als königsnah und königstreu verstanden, auf die rechte Seite – die Kritiker der Monarchie dagegen nun freiwillig und demonstrativ auf die linke Seite. (Wikipedia)
