Argumente & Lagebericht
Identitätspolitik als Bedrohung
der liberalen Demokratie
Die Ethnologin Prof. Dr. Susanne Schröter erklärt Postkolonialismus, Rassismus und Wokeness und verteidigt Meinungs- und Forschungsfreiheit.
Der Gegenwart. — 12. Februar 2025
Vor allem in der Geisteswissenschaft, teilweise sogar schon in der Naturwissenschaft, sehen wir einen Prozess, der relativ weit fortgeschritten ist. Es gibt eine Generalerzählung, dass die Wissenschaft aufgerufen sei, die Gesellschaft gerechter zu machen. Und Gerechtigkeit wird in einer bestimmten Weise von Aktivistengruppen, von postkolonialen Theoretikern oder aus Gleichstellungsbüros definiert.
Susanne Schröter studierte von 1977 bis 1986 Anthropologie, Soziologie, Kultur- und Politikwissenschaften sowie Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 1994 wurde sie im Fach Ethnologie bei Karl-Heinz Kohl mit einer Arbeit über Männliche Selbsterhaltungsstrategien angesichts der Vorstellung omnipotenter Weiblichkeit – Materialien zur Konstruktion von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in Melanesien promoviert. Von 1995 bis 1997 war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien in Mainz tätig und von 1997 bis 1999 am Frobenius-Institut in Frankfurt. Schröter habilitierte sich 1999 mit einer Schrift zum Thema Kéo rado – Die Austreibung des Bösen. Ein Beitrag zur Religion und Sozialstruktur der Ngada in Ostindonesien an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
In den Jahren von 1999 bis 2004 vertrat sie den Lehrstuhl für Ethnologie am Institut für Ethnologie und Afrika-Studien, sowohl in Mainz als auch in Frankfurt. In diese Zeit fiel auch eine Gastprofessur am Department of Anthropology der Yale University, New Haven. 2004 wurde sie zur Universitätsprofessorin auf den Lehrstuhl für Südostasienkunde I – Insulares Südostasien der Universität Passau berufen. Seit 2008 bis zu ihrer Emeritierung war Schröter Professorin für „Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen“ im Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt.
Positionen
Im Januar 2016 wurde sie im Feuilleton der FAZ zu den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht 2015 und zum Begriff des sogenannten Taharrusch dschama'i interviewt. Sie konstatierte, im Diskurs zum Umgang mit Muslimen aus patriarchalen Gesellschaften und der Geschlechterforschung seien die Bezüge „zur gesellschaftlichen Wirklichkeit verlorengegangen.“ Zur Konfliktlösung sieht sie die Notwendigkeit, umgehend Konzepte zur Aufklärung zu entwickeln und umzusetzen. Den Flüchtlingen müssten die hiesigen Regeln im Umgang der Geschlechter genau und im Rahmen von Rollenspielen erklärt werden. Die Männer sollten die Chance haben, „die Spielregeln unserer Kultur im Geschlechterkontakt zu erlernen und sich adäquat zu verhalten“, aber auch Konsequenzen erleben, wenn sie das nicht tun.
In einem Interview mit der taz gab sie an, explizit nur zum politischen Islam und zu Totalitarismus zu forschen, sodass von ihr eventuell geäußerte Kritik nicht als Kritik am Islam per se verstanden werden dürfe. Das Konzept der Verschleierung im Islam bezeichnete sie dabei als „absolute Dämonisierung des weiblichen Körpers“. Zudem solle der „Islam nicht mit negativen Dingen in Bezug“ gebracht werden, stattdessen würde „auf Islamfeindlichkeit oder die Diskriminierung von Muslimen“ fokussiert.
Laut Schröter haben 150 Jahre Frauenbewegung dazu geführt, dass Männer zwar noch einige Bereiche dominieren, während in anderen Gleichberechtigung herrsche oder sogar Männer benachteiligt würden, wenn sie etwa bei Einstellungen per se ausgeschlossen seien. Das Schlagwort der alten weißen Männer hält sie daher für eine „rassistische Konstruktion“. Schröter war 2020 eine der Erstunterzeichnerinnen des Appells für freie Debattenräume.
Schröter warnte nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 sowie dem folgenden Krieg in Israel und Gaza seit 2023 in Bezug auf die deutsche Gesellschaft vor „beunruhigenden Allianzen beim Antisemitismus“, der rechte, linke und muslimische Kräfte verbinde. Auch an Universitäten gebe es „starke anti-israelische Stimmen“.

Prof. Dr. Susanne Schröter (2017) — Foto: © Raimond
Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Lebensdaten
Susanne Schröter (* 24. September 1957 in Nienburg/Weser) ist eine deutsche Ethnologin und Hochschullehrerin. Sie ist emeritierte Professorin am Institut für Ethnologie, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zudem unterstützt sie seit 2023 im Rahmen eines Goethe Research Professorship die Gründung eines Transfer- und Kompetenzzentrums Islam an der Universität. Von 2009 bis 2017 war sie Direktoriumsmitglied im Cornelia Goethe Centrum für Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2016 bis 2019 war sie ebenso Principal Investigator im Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Schröter ist Vorstandsmitglied des Deutschen Orient-Instituts. Sie ist Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung. Am 13. Oktober 2020 wurde Susanne Schröter der (nicht dotierte) Immanuel-Kant-Preis der „Initiative Aufbruch 2016“ verliehen. Susanne Schröter hat drei Kinder, die sie ebenso wie ihr Mann auch auf Forschungsaufenthalten begleiteten. (Wikipedia)
Bedrohte Demokratie
Identitätspolitik als Bedrohung der liberalen Demokratie (Austrian Institute of Economics & Social Philosophy; 19.12.2024; 51:42 min.)
»Prof. Dr. Susanne Schröter, Universität Frankfurt a. Main — Vortrag gehalten am 19. September 2024 an der AUSTRIAN ACADEMY 2024 „Marktwirtschaft, Freiheit und Unternehmertum – Fundamente einer humanen Gesellschaft“, 19.– 22. September 2024 im Seminarhotel Friedrichshof (Zurndorf, Burgenland). Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft (Berlin) und mit Unterstützung der Österreichischen Industriellenvereinigung statt.«
Videos weiterer Vorträge ⋙ Link
Definition lt. Wikipedia
Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses. Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet. (Wikipedia)
Freie Debattenräume
Der Appell für freie Debattenräume wurde am 1. September 2020 im Internet auf der Seite Intellectual Deep Web Europe veröffentlicht. Bei dem Appell handelt es sich um die deutsche Adaption des zuvor in den Vereinigten Staaten lancierten Projekts „A Letter on Justice and Open Debate“ des US-Amerikaners Thomas Chatterton Williams. Unter dem Hashtag #CancelCancelCulture wurde der Aufruf ab Herbst 2020 auf Twitter beworben. Er richtet sich gegen die sogenannte Cancel Culture. Die Hauptakteure der deutschen Version sind der Journalist Milosz Matuschek und der YouTuber und Autor Gunnar Kaiser (1976–2023).
Hintergrund
In den USA initiierte der Autor und Kulturkritiker der New York Times Thomas C. Williams einen Offenen Brief, der die freie Rede verteidigte und für offene Debatten warb. Er kritisierte „Illiberalismus“ und „Cancel-Kultur“ und prangerte US-Präsident Donald Trump als Gefahr für die Demokratie an. 153 Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle unterschrieben den Brief, dazu gehörten Anne Applebaum, Margaret Atwood, Wynton Marsalis, Gloria Steinem, Bill T. Jones und Salman Rushdie. Seit Anfang Juli 2020 ist er auf der Internetseite von Harper’s Magazine abrufbar und wurde zeitgleich in deutscher Übersetzung in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht. Daran angelehnt initiierten Gunnar Kaiser und Milosz Matuschek ihren Appell zur Debattenkultur im deutschen Sprachraum. Ein Anlass war die Ausladung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart vom Hamburger Literaturfestival Harbour Front im August 2020.
Inhalt
Die Initiatoren vertreten die These, in Deutschland sei die Meinungsfreiheit bedroht. Sie fordern, „das freie Denken aus dem Würgegriff“ zu befreien. Den Würgegriff sehen sie „in pauschalen Demonstrationsverboten, der Zensur von Karikaturisten, der Ausladung von Kabarettisten und Maßnahmen von Verlagen, die Bücher aus ihrem Sortiment genommen oder aus Bestsellerlisten entfernt haben“. Sie wenden sich außerdem gegen das Phänomen der „Kontaktschuld“: Man werde nicht schon „mitschuldig“, wenn man mit einer Person, die wegen ihrer Meinung in die Kritik geraten ist, auf einem Podium sitzt oder auf einer Unterschriftenliste steht. Die Kulturredaktion des NDR zitierte aus dem Appell: „Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral.“ (Wikipedia)