Hinweise auf Menschen
Siegfried Arendt
18.4.1952 – 12.4.2024
Der Gegenwart. — 22. Mai 2024
Was mich schon seit Jahren beschäftigt ist die „Gretchenfrage“. Nein, nicht die schwedische Gräte, sondern die „Wie hältst du es mit der Religion, oder mit dem Frieden“. Wollen wir (als Gesellschaft) überhaupt Frieden? Natürlich sagen alle: „Wir wollen Frieden!“ Ich zweifle daran. Nehmen wir mal eine Bibelstelle aus dem Alten Testament. Jesaja 32; 15-18: „Die Frucht der Gerechtigkeit wird Friede sein.“ Wollen wir wirklich Gerechtigkeit? Und was ist nun Gerechtigkeit? Sozialismus? Kapitalismus?
Siegfried Arendt, 21. April 2022
»Wir erhielten die bestürzende Nachricht, dass unser geschätzter Freund, unser Vereinsmitglied Siegfried Arendt nach langer, schwerer und tapfer ertragener Krankheit verstorben ist.
Siegfried war uns ein sehr engagiertes Vereinsmitglied und ein beliebter, kenntnisreicher und konstruktiver Gesprächspartner. Er hat sich stets selbstlos für die Vereinsaktivitäten eingebracht. Unvergessen bleibt seine geschätzte Gastgeberschaft bei unserem Sommerfest in Guteborn, das er maßgeblich zu einem Höhepunkt unseres Vereinslebens gestaltet hatte.
Siegfried konnte aus seiner Lebenserfahrung heraus immer wieder Fragen stellen, die zu inspirierenden Diskussionen und erweitertem Wissen führten. Er gab unermüdlich, aber meist mit Humor und verschmitztem Augenblitzen Anstöße zur Auseinandersetzung mit tiefgründigen politischen Themen.
Wir wünschen seiner hinterbliebenen Lebensgefährtin die Kraft, den Verlust zu tragen, und sichern ihr zu, dass wir Siegfried in lebendiger Erinnerung behalten, indem wir sein Vermächtnis, seine Themen und seine Kenntnisse immer wieder würdigen und an ihnen anknüpfen.
Hayek-Verein Dresden e. V.
Der Vorstand«
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An Siegfrieds Standpunkten war nie zu rütteln, ob wichtig oder unwichtig
Von Sandra.
Die vergangenen Tage hieß es oft „Weißt du noch“ oder „Jetzt hätte Sigi bestimmt wieder einen albernen Witz gemacht“ und wir lachten in Erinnerung.
Ich war 14, als meine Mutter Siegfried kennenlernte. Damals war ich es noch gar nicht gewohnt, dass man sich so lange und angeregt unterhalten kann. Er fragte mich oft „Na, woher stammt diese Redewendung?“ Das war dann aus irgendeiner Geschichte, einem Märchen oder ein Name aus dem Alten Testament.
Siegfried lebte damals mit einem riesigen Kater zusammen, ein Freigänger und irgendwie im Wesen ihm ähnlich, ruhig und freundlich. Wenn wir Siegfried besuchen kamen, erkannte der Kater bald unser Fahrzeug am Motorengeräusch und setzte sich mitten auf die Seitenstraße, in der beide wohnten, während uns Siegfried aus dem Fenster zuwinkte.
Ich hörte Siegfried gern zu, wenn er aus seinem Leben erzählte. Wie seine Mutter im Krieg ihren Mann verlor und mit drei Kindern aus Ostpreußen flüchten musste. Sie landeten im Erzgebirge, wo sie von lieben Leuten aufgenommen wurden. Dort kam Siegfried zur Welt. Der zweite Mann der Mutter, Siegfrieds Vater, sorgte dafür, dass die ganze Familie bei Aalen in Baden-Württemberg sesshaft werden konnte.
Dergleichen Umzüge wurden mit „Zonenwechsel“ bezeichnet, der behördlich geprüft und genehmigt wurde. Da war Siegfried zwei Jahre alt. Sein Vater, ein politischer Unruhegeist, wurde mit damaligen DDR-Methoden in den Uranbergbau versetzt und starb an dessen Folgen.
Siegfried erzählte von seiner Schulklasse mit 40 Jungs, in der der Lehrer noch mit Prügel für Ordnung und Disziplin sorgte. Oder wie er gemeinsam mit seinen Kumpels den langen Schulweg auf der Alb mit interessanten Entdeckungen verkürzte und entsprechend verschmutzt zu Hause ankam. Eine Nachbarin im Haus habe ihn dann etwas vorgereinigt, damit sich seine Mutter nicht zu sehr ärgern musste.
Wie damals viele junge Männer aus Westdeutschland, meinte auch Siegfried nach seiner abgeschlossenen Modellbauer-Lehre: Auf nach Berlin, Berlin! Außerdem wurde von dort nicht zum Bund eingezogen. In Berlin lernte er seine spätere Ehefrau Francesca aus Palermo kennen. Siegfried ging seinem Job nach und machte mit einem Freund nebenher Straßenmusik, oft frei nach Hannes Wader. Francesca musste noch Deutsch lernen. Dabei half Siegfried in seiner ihm typischen Weise: Z.B. bezeichnete er das Wort „Schlafzimmer“ mit „Schlafgemach“. So meinte der Lehrer im Deutschkurs erstaunt, Francesca habe eine blumige Aussprache. An Siegfrieds Standpunkten war nie zu rütteln, ob wichtig oder unwichtig, das hatte er wohl von seiner Mutter. Dazu passte die Anekdote seiner Eheschließung. Siegfrieds Mutter bestand darauf, dass er zur Hochzeit einen Frack trug, er war natürlich dagegen. Schließlich blieb die Mutter der Eheschließung fern, weil ihr Sohn im lässigen Anzug der 70er-Jahre heiratete.
Das Paar zog nach Stuttgart. Dort wurden die Kinder Patrizia im Jahr 1977 und Marco 1981 geboren. Wegen seiner Tätigkeit im Theater oder der Gastspiele im Ausland gab es nicht viel Zeit für das Familienleben. Der Gedanke, auszusteigen und mit der Familie in Francescas Heimat zu ziehen, wurde vollbracht. Auch über diese Zeit erzählte uns Siegfried, z.B. dass er Brot selbst gebacken habe aus selbst gemahlenen Körnern und Nüssen. Die italienische Verwandtschaft rümpfte zuerst die Nase, doch dann gab es gar nicht genug davon. Der Geschmack des Brotes kam gut an, außerdem verschwanden Verdauungsprobleme. Oder dass Siegfried dem Schwiegervater ganz simpel eine Dusche mit dauerhaft heißem Wasser baute, indem er lediglich die zuverlässigen Sonnenstrahlen Siziliens und ein paar Bauteile nutzte. Neben seinem Job in Palermo las Siegfried zu dieser Zeit viel von Dietrich Bonhoeffer.
So ganz war die Aussteigerzeit nicht nach den Vorstellungen der Familie, die Kinder mussten auch bald zum Schulunterricht. Es ging 1985 zurück nach Deutschland. Siegfried war wieder in Aktion, qualifizierte sich nebenberuflich zum Theater- und Beleuchtungsmeister. Aber auch politisch war Siegfried bereits damals immer interessiert und aktiv. Er war damals – noch! – bei den Grünen oder pflegte einen Schaukasten im Bahnhofsdurchgang Bietigheim mit aktuellen Themen. Er tauschte sich oft mit dem bereits verstorbenen Pfarrer Gottfried Hartenstein, nach dem der Agenda-Garten in Stuttgart-Degerloch benannt ist, über Gott und die Welt aus.
Gemeinsam mit seinem Freund Markus Rasile unterstützte Siegfried als ehrenamtlicher Gefangenenbetreuer Inhaftierte vor deren Entlassung. Z.B. organisierte er, dass die gerade gastierenden „Wiener Harmonists“ in der Heilbronner JVA auftraten und für Gefangene sangen. Die Skepsis auf beiden Seiten entwickelte sich zu einem vollen Erlebnis. Siegfried bekam noch lange Dankschreiben einiger Betroffener.
1996 trennten sich Francesca und Siegfried. Im Jahr 2000 lernte Siegfried dank moderner Technik meine Mutter einschließlich mich kennen. Bald spielte die Hürde der Entfernung keine Rolle mehr. Nach einem Jahr, zu Mutters 50. Geburtstag, machten wir schon zu dritt Urlaub in Portugal. Einen Stein von dort habe ich noch und werde ein Stück davon Siegfried mit auf die Reise geben. Zu Patrizias und Silvios Hochzeit war meine Mutter schon mit dabei und kennt Siegfrieds Enkel Pascal von Geburt an.
Ein neuer Lebensabschnitt begann für uns drei. Mutter und Siegfried zogen zusammen, ich bezog ein Zimmer in Stuttgart. Eine Abwechslung war für mich immer die Theaterwelt, die ich dank Siegfried miterleben durfte. Viele Schauspieler kamen mit Rucksack und Fahrrad und man traf sich in der verräucherten Kantine. Den Proben und schönen Premieren durften wir immer beiwohnen.
Das alles verbindet mich sehr in Gedanken an Siegfried. Ich bin dankbar, dass ich Siegfried bereits als Kind kennenlernen durfte und werde ihn immer in Ehren halten.
© Rosmarie Otto für Sandra, 11. Mai 2024
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Du mochtest die Kirchen nicht, aber zitiertest ab und an ein Bibelwort
Von Rosmarie Otto.
Lieber Siegfried,
vor 24 Jahren lernten wir uns an einem Frühlingstag im April kennen. Und an einem Frühlingstag im April, ein paar Tage vor Deinem 72. Geburtstag, bist Du für immer eingeschlafen. Was haben wir in Baden-Württemberg so viel gearbeitet, um uns ein interessantes Leben gestalten zu dürfen. Dein zuverlässiger Fleiß hinter den Bühnen als Theaterinspektor und Dein Zweitjob als erlernter Modellbauer im Küchenaufbau hat Dein starker Körper wohl doch nicht so hingenommen. Es war Dein Mut, unseren Ruhestand in Guteborn verbringen zu wollen. Ab 2015 renoviertest Du unermüdlich mit handwerklichem Geschick bis ins Detail Haus und Grundstück. Mit Deinem freundlichen Wesen warst Du als neuer Nachbar willkommen. Du hast alles vollbracht und konntest Dich endlich dem widmen, wofür Du bisher nie genügend Zeit hattest. Mit Hingabe und gemeinsam mit Deinem Freund Detlef bautest Du mit Freude und präzise Lautsprecher einschließlich intensiver Berechnungen am PC. Mathematik war Dein Hobby. Klassische Musik und das Theater blieben nach wie vor Deine Welt. Du hast gern das Tanzbein geschwungen, gern gefeiert und mal die Gitarre gezückt, gern Gäste beherbergt. Du konntest stundenlang mit Freunden oder im Verein über politische Themen diskutieren. Du mochtest die Kirchen nicht, aber zitiertest ab und an ein Bibelwort und ehrtest die Schöpfung. Diskussionen über politische Untaten brachten in Deine Familie ein längeres Schweigen. Mit gegenseitiger Achtung und Liebe konntet Ihr einsehen, dass dem nichts wert war. Die Verbundenheit mit Deiner Tochter Patrizia und Silvio nebst Deinem Enkel Pascal war immer ungebrochen. Deinem Sohn Marco hast Du ohnehin immer wieder verziehen. Als ihren väterlichen Freund über die vielen Jahre behalten Dich Sandra mit Fabian und Johanna immer im Herzen.
Ruhe sanft, ich danke Dir und Gott für unsere wunderbare gemeinsame Zeit.
In Liebe
Deine Rosi
© Rosmarie Otto: „Brief an Siegfried“, 12. April 2024

Siegfried Arendt
Foto: Privat
Unser Gehirn macht manchmal die seltsamsten Kombinationen.
Siegfried Arendt, 21.4.2022
Es ist an der Zeit
Es ist an der Zeit – Hannes Wader & Konstantin Wecker & Reinhard Mey – Live 2014 (Lerche48 al. Werner S.; 4.732.267 Aufrufe; 29.10.2016; 5:10 min.)
»Live bei den „Songs an einem Sommerabend“ 2014. Begleitung: Jo Barnikel, Jens Fischer und Severin Trogbacher. Original-Song written 1976 by Eric Bogle "Green fields of france / No man´s land). Deutsche Text-Version by Hannes Wader. Erst-VÖ by Hannes Wader auf dem "Album "Es ist an der Zeit" 1980. Erst-VÖ auf dem Bogle-Album (LP) "Now I´m easy" 1980«
Stimmen der Vernunft
Siegfrieds Empfehlungsliste „Stimmen der Vernunft“, von ihm oft als Mailanhang verbreitet:
▬ Kontrafunk (Burkhard Müller-Ullrich) ⋙ Link
▬ Weltwoche-Daily (Roger Köppel) ⋙ Link
▬ Tichys Einblick (Roland Tichy) ⋙ Link
▬ The Plattform (verschiedene) ⋙ Link
▬ Der Gegenwart (Ralf Schutt) ⋙ Link
▬ Dr. Daniele Ganser: Wie Propaganda unsere Gedanken und Gefühle lenkt (Berlin 10.3.2019) ⋙ Link