So steht es geschrieben
„Notwehrprotokolle“
gegen Entsouveränisierung
Der vierte Essayband von Dr. Thomas Hartung enthält wieder eine streitbare Gegenrede zum dominanten Diskurs „im Dienst einer republikanischen Idee“.
Der Gegenwart. — 23. Februar 2026
Von JOSEF WALTER. | Thomas Hartungs vierter Essayband ist eine zornige Diagnose der Gegenwart – geschrieben aus der Perspektive eines konservativen Kulturkritikers, der sich nicht mehr mit dem „pädagogisch kuratierten“ Politikbetrieb abfinden will. Bereits das Vorwort von Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann setzt den Ton: Nicht Panzer, sondern Meldeportale, Diskursverordnungen und moralische Etiketten formten einen „sanften Totalitarismus“, der Widerspruch delegitimiere statt ihn auszutragen. Der Band verspricht keine feinsinnige feuilletonistische Schwebe, sondern „Notwehrprotokolle“ gegen Entsouveränisierung und Gesinnungsstaat – und hält dieses Versprechen mit spitzer Feder.
Strukturiert in drei Teile – Gesellschaft, Politik, Kultur – arbeitet sich Hartung an den Symbolen einer „Umerziehungsrepublik“ ab. Da wird im Auftakttext die „Frittikette“ im Freibad zur Metapher dafür, wie Sicherheits- und Integrationsprobleme hinter Wohlfühlkampagnen verschwinden. Später richten sich die härtesten Kapitel gegen „Zensurreflexe“ im Netz, vormundschaftliche Bürgerbeteiligungsformate oder gegen eine „grüne Theokratie“, die Politik mit Moralgesetzgebung verwechselt. Im Kulturteil attackiert Hartung die „Ästhetik der Preisgabe“, den Leichte-Sprache-Trend und eine Diskurslage, in der Lachen („Wer lacht, herrscht“) bereits als Herrschaftsgeste gelesen wird – ein Kapitel, das die Vergiftung des öffentlichen Humors seziert. Das alles ergibt ein Panorama von Miniaturen, das sich wie eine rechtsintellektuelle Presseschau der letzten anderthalb Jahre liest – zugespitzt, polemisch, mit vielen Quellen und Belegen, Zitaten und Verweisen, die den Argumenten Schlagkraft verleihen.
Stilistisch ist das Buch kompromisslos: Hartung schreibt pointiert, bildstark, zuweilen mit kalkulierter Übertreibung. Diese Schärfe ist Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil sie blinde Flecken der Gegenwart sichtbar macht: die Lust am Regelsetzen statt am Debattieren, die Tendenz zur moralischen Exkommunikation, die Verwechslung von pluraler Demokratie mit betreuter Öffentlichkeit. Schwäche, weil manche Generalisierung – etwa zu Justiz, Medien oder „Importen“ von Gewaltmustern – den Einzelfall in eine große Erzählung presst und Widerspruch provoziert. Wer eine nüchterne, ausgewogene Politologie erwartet, wird sich reiben; wer eine engagierte, streitbare Gegenrede zum dominanten Diskurs sucht, findet reichlich Futter.
Besonders gelungen ist, dass Hartung an konkreten Fällen wie dem Sylt-Skandal, der “Zusammenland”-Kampagne oder der “Faschismus”-Funktionalisierung zeigt, wie schnell sich Sprachpolitik in Lebenswirklichkeit wandelt. Der Band wirkt so wie die Chronik einer Verschiebung: von Recht zu Haltung, von Verfahren zu Empörung, von Streit zu Kuratierung. Ob man diese Diagnose teilt oder nicht – sie zwingt dazu, die eigenen Gewissheiten zu prüfen.
„Umerziehungsrepublik Buntland“ ist ein Buch der Zuspitzung – brillant in der Beobachtung, wuchtig in der Sprache, parteiisch in der Wertung. Es konfrontiert den Leser mit einem unbequemen Befund: Demokratie braucht weniger Erziehungsprogramme und mehr Vertrauen in mündige Bürger. Wer das aktuelle Klima der „Sensibilisierung“ kritisch betrachtet, ja die konservative Gegenöffentlichkeit sucht, wird hier fündig; wer lieber in Ambivalenzen denkt, sollte mit Randnotizen lesen – aber in jedem Falle lesen, lesen, lesen.
© Josef Walter: »„Notwehrprotokolle“ gegen Entsouveränisierung«, Amazon-Rezension vom 16. Oktober 2025 — Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Dr. Thomas Hartung
Foto: Privat
Der Autor
Dr. Thomas Hartung (geb. 1962 in Erfurt) promovierte nach seinem Lehramtsstudium Germanistik/Geschichte in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig. Der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus. Von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute. Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. (Verlagstext)
Das Buch

Thomas Hartung: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Mit einem Vorwort von Frank Böckelmann. 254 Seiten. Gerhard Hess Verlag, Uhingen (2025)
»Thomas Hartung schreibt gegen den moralischen Gleichschritt unserer Zeit. Seine Essays sind Notwehr gegen Cancel Culture, Meinungszwang und Sprachkontrolle – ein Aufschrei für echte Vielfalt, Freiheit und offene Debatte. Thomas Hartung schreibt nicht gegen den Zeitgeist, sondern gegen dessen Vormacht. In seinem Essayband seziert er die Symptome einer Republik im Umbruch: eine Demokratie, die nicht mehr verteidigt, sondern kuratiert wird; ein Staat, der den Bürger nicht mehr souverän, sondern gefügig machen will. Wo früher Pluralismus herrschte, regiert heute moralischer Einheitsdruck – inszeniert als „Zusammenland“, durchgesetzt mit Cancel Culture, Meinungsranking und Sprachdressur. Die Texte sind intellektuelle Notwehrprotokolle: gegen eine Justiz mit doppelten Standards, gegen eine Medienwelt zwischen Flaggenscham und Faschismusfantasie, gegen eine Bildungspolitik, die sich lieber selbst demontiert, als ihre Wurzeln zu verteidigen. Hartung demonstriert, wie Begriffe wie „Vielfalt“, „Respekt“ oder „Demokratie“ in ein autoritäres Korsett ideologischer Homogenität gepresst werden.« (Verlagstext)
Seine Texte analysieren, sezieren, karikieren – aber stets im Dienst einer republikanischen Idee, die auf Herrschaftskritik, Eigensinn, Souveränität und Unterscheidungsvermögen gründet.
Frank Böckelmann, Herausgeber der Zeitschrift Tumult, im Vorwort
Der ganze Wahnsinn
Zwanzig Essays, in denen der ganze Wahnsinn unserer Gegenwart aufgeführt wird. Muß man sich das antun? Ja, unbedingt. Denn dann wissen Sie von einer grünen Stadträtin aus Bayern, die sich bemüßigt fühlte, folgende Frage in die Welt zu werfen: „Organspenden an AfD-Wähler*innen?“ und gleich die Antwort mitlieferte, daß dies nur bedingt zumutbar sei. Ihrer Aussage, zur Abstimmung auf X freigegeben, stimmte von 3.800 Nutzern ein Viertel zu. Thomas Hartung dazu in seinem Buch: „Die Frage, wer leben darf, wird mit der Frage verknüpft, wie jemand wählt.“
Kerstin Rech: »Buntland analysiert, seziert und karikiert«, jungefreiheit.de vom 22. Februar 2026 ⋙ Link