Essenz. Beiträge zur ganzen Wahrheit
Mehr Plastik als Hoffnung
Ja, ja. Nein, nein. Und dazwischen das große „Welt-Vielleicht“ — Warum klare Worte selten geworden sind und klare Taten noch seltener. Eine Glosse von Hans-Jörg Müllenmeister.
Der Gegenwart. — 16. April 2026
Das Ja-Ja-Zeitalter der Unverbindlichkeit
„Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein!“ – ein Satz wie ein Felsblock. Unerschütterlich, klar, unmissverständlich. Und doch wirkt er heute wie ein archäologischer Fund aus biblischer Zeit, in der Worte noch Gewicht hatten und nicht wie Seifenblasen in Talkshows zerplatzten.
Im „Welt-Vielleicht“, diesem charmanten Zwischenreich, in dem alles freundlich nickt und „Ja, ja – Frieden!“ haucht, steht schon im Hintergrund jemand bereit, der ein lauteres, ein martialisches Nein, im Gepäck hat. Ein Nein, das sich nicht ausspricht, sondern später bombig einschlägt. Aber dazu kommen wir noch.
Wir leben im goldenen Zeitalter der Unverbindlichkeit. Entscheidungen werden angekündigt wie seltene Tierarten: Man hat schon von ihnen gehört, aber gesehen hat sie kaum jemand. Stattdessen wuchert ein Dschungel aus Absichtserklärungen, Prüfaufträgen, Machbarkeitsstudien und „Wir bleiben im Dialog“. Ein Dialog, wohlgemerkt, der so fruchtbar ist wie ein Kaktusfeld.
Währenddessen wächst die Welt an ihren eigenen Entgleisungen. Die Zahl der Despoten nimmt zu wie die Zahl der Streamingdienste: Keiner braucht sie, aber alle müssen mit ihnen leben. Gesetzestexte blähen sich auf wie Hefeteig, bis niemand mehr weiß, was drinsteckt. Haftanstalten sind so voll, dass Freiheit inzwischen wie ein logistisches Problem wirkt. Also entlässt man frühzeitig – nicht, weil alles gut wäre, sondern weil einfach kein Platz mehr ist für all das, was man nicht lösen will.
Und wo man nicht einsperrt, da lagert man. Internierungslager entstehen, mal für Migranten, mal für „Sicherheitsrisiken“, mal für Menschen, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie stören. Für wen, für was? Man weiß es nicht so genau. Vielleicht für die Statistik. Vielleicht für das Gefühl, „etwas getan zu haben“. Lösungen sind schwer stapelbar, Menschen offenbar weniger.
Die Welt als Tupperware-Ozean
Die Meere? Ach ja, die Meere. Sie tragen inzwischen mehr Plastik als Hoffnung, und wenn man so weitermacht, wird der Ozean bald als „größtes Tupperware-Reservoir der Welt“ in die Geschichtsbücher eingehen. Mikroplastik findet sich im Wasser, im Boden, im Körper – vermutlich fehlt nur noch der Eintrag im Lebenslauf: „Seit 2023: dauerhaft von Kunststoff begleitet.“ Aber keine Sorge: Es gibt bereits Arbeitsgruppen, die prüfen, ob man prüfen sollte, ob man etwas dagegen tun könnte.
Zwischen Pestizid und Poesie: Das große Welt-Vielleicht summt leise
Im „Welt-Vielleicht“, in dem der Mensch sich selbst für den Hausmeister des Universums hält, spielt sich eine kleine Tragikomödie ab. Eine Farce, so fein gesponnen wie ein Spinnennetz – nur dass wir es mit der Feinmotorik eines Presslufthammers behandeln: Wir überdüngen, überspritzen, übertreiben.
Die Natur steht daneben, hebt eine Augenbraue und fragt sich vermutlich, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben oder ob die schon längst auf dem Komposthaufen gelandet sind.
Die Bienen – jene fleißigen, unentgeltlichen Mitarbeiterinnen des globalen Bestäubungswesens – bekommen derweil Kündigungen zugestellt, die sie nie unterschrieben haben.
„Betriebsbedingter Wegfall“, heißt es.
„Standortschließung durch Glyphosat.“
„Ihre Dienste werden nicht länger benötigt, wir haben jetzt Dünger mit Turboeffekt.“
Und während die Insekten in Scharen abtreten, murmelt der Mensch: „Komisch, die Erträge bleiben aus.“ Natürlich, wenn etwas schiefgeht, ist es immer das Wetter. Oder die Bahn.
Denn die Bestäubungsdienste der Natur fallen inzwischen so zuverlässig aus wie die Zugverbindungen der Deutschen Bahn. Mit einem Unterschied: Bei der Bahn kommt irgendwann ein Ersatzbus. In der Natur kommt … nichts. Kein Ersatzkäfer, keine Leihbiene, kein Notbestäuber aus Polen.
Doch die Düngemittelindustrie reibt sich die Hände. Solange irgendwo noch ein Feld steht, das man „optimieren“ kann, ist die Welt in Ordnung. Alles, was nicht sofort Rendite verspricht, wird auf den Verschiebebahnhof der Zukunft geschoben – Abfahrt ungewiss, Anschluss verpasst.
Und wir? Wir stehen am Bahnsteig, hören das letzte Summen verklingen und fragen uns, warum die Natur plötzlich so still geworden ist.
Das Ja-Ja-Friedensmantra und das bombige Nein
Doch während die Bienen verschwinden, wird vorne auf der Weltbühne weiter das Ja-Ja-Friedensmantra beschworen. Mit österlichem Palmenzweig, Pathos und Pressefoto. Hinter dem Vorhang jedoch wird längst gerechnet, geliefert, nachbestellt. Das bombige Nein steht bereit, freundlich lächelnd, als wäre es nur zu Besuch.
Und dieses Nein hat Appetit.
Es stopft keine Mägen, sondern Lagerhallen.
Es stillt keinen Hunger, sondern nur die Bedürfnisse jener Industrien, die vom Lärm der Konflikte leben wie andere vom Vogelgesang.
Derweil wächst draußen der echte Hunger. Er lässt Menschen aufbrechen wie ein Sturm die Dächer, löst Völkerwanderungen aus, nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Notwehr. Millionen sind unterwegs, weil irgendwo jemand beschlossen hat, dass Frieden zwar schön klingt, aber sich Krieg eben besser verkauft.
Die neuen Aristokratien
Und über allem schwebt eine neue Aristokratie: eine winzige Gruppe extrem Vermögender, deren Besitz sich nur noch in Einheiten wie „mittlere Volkswirtschaft“ messen lässt. Sie bewegen Kapitalströme, die schneller sind als jede politische Entscheidung. Manchmal hat man den Eindruck, die Weltpolitik sei nur noch der Kommentarbereich unter ihren Geschäftsberichten.
Investmentriesen halten Anteile an so vielen Unternehmen, dass man sich fragt, ob sie nicht irgendwann selbst die Schwerkraft verwalten. Fragt man nach Transparenz, bekommt man Berichte, die so durchsichtig sind wie Beton.
Parallel dazu wachsen die digitalen Imperien. Plattformen wissen, was wir denken, bevor wir es zu Ende gedacht haben. Algorithmen entscheiden, was wir sehen, kaufen, glauben – und wenn etwas schiefgeht, war es natürlich „der Algorithmus“. Verantwortung hat heute viele Namen, aber selten eine Adresse.
Der Bürger als Endlager
Überall wird geflickt, gestopft, geklebt. Die Welt gleicht einem alten Fahrradschlauch, der seit Jahren nur noch durch die Hoffnung zusammengehalten wird, dass das nächste Loch erst morgen kommt. Und wenn es dann doch heute kommt, wird es mit einem Pflaster repariert, das schon beim Aufkleben resigniert.
Zuständigkeiten wandern wie Wanderpokale: Jeder hält sie kurz, zeigt sie herum – und reicht sie dann erleichtert weiter.
Am Ende landet alles dort, wo es immer landet: beim Bürger. Der darf zahlen, sortieren, verzichten, kompensieren und sich anhören, dass „wir alle gemeinsam“ gefordert seien – wobei mit „alle“ erstaunlicherweise immer er selbst gemeint ist. Während oben noch diskutiert wird, hat unten längst jemand die Rechnung im Briefkasten.
Schlussbetrachtung
Irgendwann begreift selbst die trägste Welt, dass man ein sinkendes Schiff nicht rettet, indem man die Löcher katalogisiert – sondern indem man endlich aufhört, neue in den Rumpf zu treiben. Und dass eine klare Rede der Anfang einer klaren Tat sein könnte – wenn sie nicht im Ausschuss für Unverbindlichkeiten regelmäßig verdunstete.
In jenem Welt-Vielleicht der Bürokratie, wo Formulare sich vermehren wie Algenblüten, während Lösungen im Schatten verkümmern. In jenem Welt-Vielleicht teuren Wissenschaftsverheißungen, wo jede Studie die vorherige widerruft und der Fortschritt sich im Kreis dreht.
Ein circulus vitiosus, sorgfältig gepflegt von einer Welt, die sich täglich selbst beklatscht für ihre Fähigkeit, Probleme zu verwalten, die sie ohne Mühe selbst erzeugt hat. ■
© Hans-Jörg Müllenmeister — Wir danken dem Autor für die freundliche Erlaubnis zur Nutzung seines noch unveröffentlichten Textes.

Dipl.-Ing. Hans Jörg Müllenmeister
Foto: anderweltonline.com
Wir leben im goldenen Zeitalter der Unverbindlichkeit. Entscheidungen werden angekündigt wie seltene Tierarten: Man hat schon von ihnen gehört, aber gesehen hat sie kaum jemand.
Hans-Jörg Müllenmeister
Lebensdaten
»Dipl.-Ing. Hans Jörg Müllenmeister (geb. 1941) in Aachen studierte Allg. Elektrotechnik. Seit 1966 war er in der Elektrotechnik im Bereich der Technischen Dokumentation und Information tätig. Eine Fernostreise brachte den ersten Kontakt mit Edelsteinen. Seit 1978 ist er Diamantengutachter und Gemmologe (Edelsteinfachmann), spezialisiert auf das Studium und die Dokumentation der Einschlüsse in Farbedelsteinen. Er ist Buchautor mehrerer Edelstein-Fachbücher, u.a. auch das Sachbuch Erlebtes Universum. Seit 1996 ist der Privatier Hans-Jörg Müllenmeister freier Publizist und Vortragsredner auf dem Gebiet der Sachwertanlagen, Edelmetalle, Edelsteine und Diamanten.« (anderweltonline.com)